Geldgespräch – Bilanzexperte Reinhold Gagel

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Ein halbes Jahrhundert Buchhaltungserfahrung

Das heutige Geldgespräch ist eine Premiere. Nicht für mich, sondern für meinen Interviewpartner, der inmitten seines neunten Lebensjahrzehnts erstmalig im Rahmen eines Podcasts seine Fachexpertise zum Besten gibt. Und die ist über ein halbes Jahrhundert gereift! So steht Reinhold Gagel als mit allen Wassern des Rechnungswesens gewaschener Buchführungsspezialist Rede und Antwort zu Gewinn und Verlust, Cashflow, Eigen- und Fremdkapital, Bilanzen sowie seinem Buch zum Thema, das kürzlich in der dritten überarbeiteten Auflage erschienen ist. Selbstverständlich reden wir auch darüber, was im größten zeitgenössischen Bilanzskandal falsch gelaufen ist. Fest steht: Reinhold Gagel hätte Wirecard nicht so einfach vom Haken gelassen!

Titelbild von Wie man eine Bilanz liest
Aus der Praxis für die Praxis, Bildquelle: FinanzBuch Verlag

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Zum Interview

Bevor es mit dem Geldgespräch losgeht möchte ich noch auf das aktuelle Gewinnspiel hinweisen. Unter allen Kommentatoren dieses Blogbeitrags, die in das Textfeld ihre Lieblingskennzahl inklusive einer kurzen Begründung schreiben, verlose ich am 28. November 2020 ein Druckexemplar von Reinhold Gagels Buch. Die Gewinnerin oder den Gewinner werde ich im Anschluss benachrichtigen – viel Glück!

Luis Pazos: Buchführung und Rechnungswesen haben traditionell einen eher drögen Ruf, der „Buchhalter“ gilt manchen gar als Inbegriff der bebrillten Büroklammen. Zu Unrecht, allein die Geschichte der Bilanzierung „alla Veneziana“, ohne die die moderne Unternehmenswelt nicht denkbar wäre, hat es in sich. Was hat Sie seinerzeit dazu bewogen, sich in diesem Bereich zu spezialisieren?

Reinhold Gagel: Als 12-jähriger habe ich mit meinem damaligen Schulfreund „Bürotätigkeiten“ gespielt. Und in der kaufmännischen Lehre beziehungsweise Berufsschule habe ich dann auch Buchhaltung gelernt. Da bekam ich immer eine eins und war stets als erster lange vor den anderen fertig! Dann wollte ich auch noch Bilanzbuchhalter mit Diplom, später zudem Controller werden. Als Controller konnte ich mich im finanzwirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Teil einbringen, eine runde Sache!

Luis Pazos: Warum müssen Unternehmen überhaupt Bücher führen?

Reinhold Gagel: Weil es ohne das nicht geht, denn nur so kann das betriebliche Geschehen durch- und überschaubar gemacht werden. Im Handelsgesetzbuch (HGB) sind die entsprechenden Vorschriften zum Führen von Büchern in einem Unternehmen geregelt. Des Weiteren sind das Aktiengesetz (AktG) und das Gesetz betreffend die Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbHG) sowie Steuergesetze und andere zu beachten.

Die Verantwortlichen eines Unternehmens orientieren sich an den Zahlen der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) einer Periode, sowie an den Summen der Aktiven und Passiven zum entsprechenden Stichtag. Als Verantwortlicher will ich stets im Blick haben, ob die Firma auf einem erfolgreichen Weg ist!

Der Fiskus verlangt eine Jahresbilanz mit GuV zu den Steuererklärungen, Banken als Kreditgeber verlangen eine solche und auch Aktionäre beziehungsweise (Eigen-) Kapitalgeber wollen das Geschehen in Zahlen ausgedrückt einsehen usw.

Luis Pazos: Über was genau gibt die Buchhaltung Auskunft und über was nicht?

Reinhold Gagel: Über die periodenbezogenen betriebswirtschaftlichen Ergebnisse einerseits und den Cashflow, also die Mittelflussrechnung, andererseits, aber auch vieles andere mehr!
Alles, was in einem Unternehmen geschieht, verursacht Kosten, mit der Absicht Umsätze zu erzielen und daraus Gewinne für die Firma einzufahren.

Die Erträge sollten immer höher sein als die Aufwendungen. Das Eigenkapital der Firma muss sich auf Dauer verzinsen. Die Kostenbelege werden kostenartenbezogen und bilanzpositionsbezogen verbucht. Eine GuV, detaillierter Bestandteil der Bilanz, zeigt die Summe einer entsprechenden Periode. Die Gegenbuchungen dieser Vorgänge berühren auch die Bilanzpositionen, die Aktiven und Passiven, ebenfalls in gut verständliche Begriffe zerlegt.

Luis Pazos: Was ist eine Bilanz, was sagt sie aus und wie kann ich mich dem teilweise kontraintuitiven Thema nähern, ohne Buchhalter zu sein?

Reinhold Gagel: Eine Bilanz zeigt immer die Bestandssummen der einzelnen Vermögenswerte (Aktiven) einerseits und die Kapital- und Schuldenwerte (Passiven) andererseits, zu einem bestimmten Stichtag. Die GuV jedoch zeigt die Summen der Kosten und Erlöse der dazu gehörenden Periode.

Aktivwerte sind Vermögenswerte, welche das Unternehmen zum bestimmten Stichtag verwaltet, betreut und für deren Werterhaltung die Geschäftsleitung Sorge zu tragen hat. Die Begriffe sind selbsterklärend. Dasselbe gilt auch für die Positionen der Passivseite. Gerne vergleicht man diese Einzelpositionen auch mit jenen vergangener Perioden bzw. Stichtage.

Aus Bilanzzahlen und GuV-Daten werden betriebswirtschaftliche Kennzahlen gebildet, auch um die Tendenzen zu erkennen und gegebenenfalls gegensteuern zu können.

Mein Buch mit dem Titel „Wie man eine Bilanz liest“, vermittelt auf unkonventionelle Weise wie eine Bilanz entsteht, wie sich die einzelnen Positionen durch Geschäftsvorfälle fortschreiben usw. Es ist kein Buchhaltungslehrgang und man kommt ohne jegliche Buchhaltungskenntnisse zum Verstehen beziehungsweise Funktionieren einer Bilanz und das in kürzester Zeit.

Luis Pazos: Was sind die Gewinn- und Verlustrechnung sowie die Cashflow-Rechnung? Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Rechnungslegungen?

Reinhold Gagel: Die Gemeinsamkeit besteht ausschließlich darin, dass für beide Berechnungen die gebuchten Beträge herangezogen werden, aber in einigen Fällen in unterschiedlicher Höhe einfließen. Die GuV zeigt als Endergebnis den erwirtschafteten Gewinn des Unternehmens einer bestimmten Periode. Der Cashflow als Mittelflussrechnung jedoch zeigt die Bewegungen aus Geldzuflüssen und Geldabflüssen während der Periode. Das sind also zwei ganz unterschiedliche Betrachtungen.

Wenn ein Unternehmen zum Beispiel eine Maschine kauft, findet ein Geldabfluss in Höhe des Kaufpreises von beispielsweise 20.000,00 Euro statt. Beim Cashflow findet sich dann unter Geldabfluss die Position „Anschaffung einer Maschine“ in der Höhe von 20.000,00 Euro. Das Ergebnis beim Cashflow zeigt am Ende, in welcher Höhe sich die liquiden Mittel im Vergleich zu Beginn der Periode nach oben oder nach unten verändert haben.

In der GuV darf jedoch nur die Abschreibung als Kostenbetrag einfließen, bei einer Lebensdauer der Maschine von 10 Jahren sind das 2.000,00 Euro.

Es handelt sich also nicht um zwei unterschiedliche Rechnungslegungen sondern um zwei unterschiedliche finanzwirtschaftliche Betrachtungen.

Die GuV zeigt wie schon erwähnt, oft sehr detailliert, woraus Umsätze entstanden sind und welche Kostenarten in Verbindung damit angefallen sind, um diese Umsätze zu erzielen. Zum Beispiel Herstellkosten, Verwaltungskosten, Vertriebskosten usw. Bei dieser Darstellung handelt es sich um die Kostendarstellung nach Aufgabenbereichen. Firmen erstellen aber auch GuVs, welche nur eine Kostenartengliederung aufzeigen. Hier sind dann die Löhne aller Mitarbeiter zusammengefasst und nicht aufgeteilt nach Aufgabenbereichen. Betriebsabrechnungsbogen und Kostenträgerrechnung sind zusätzlich betriebswirtschaftliche Werkzeuge des Controllings.

Die GuV zeigt also das betriebswirtschaftliche Ergebnis aus den getätigten Umsätzen, den Nettogewinn oder Gewinn nach Ertragsteuern – hierzu gehören Gewerbesteuern, Körperschaftssteuern und der Soldaritätszuschlag –, wenn es sich um eine Kapitalgesellschaft handelt.

Mein besonderer Hinweis zu beiden Ergebnisbetrachtungen: Es kann vorkommen, dass in ein und derselben Periode ein positiver Cashflow, also eine Liquiditätszunahme erzielt wurde und andererseits in derselben Periode ein Verlust zu verzeichnen war. Solche Vorgänge bedürfen einer besonderen zusätzlichen Analyse!

Luis Pazos: Ist es für Privatpersonen im Allgemeinen und Anleger im Besonderen überhaupt erforderlich, Jahresabschlüsse börsennotierter Unternehmen lesen und in ihren Grundzügen analysieren zu können?

Reinhold Gagel: Unbedingt! Wer Geld zu verschenken hat, weil es ihm im Überfluss zur Verfügung steht, kann ins Blinde hinein spekulieren! Ich würde nie irgendeine derartige Aktivität unternehmen, ohne vorher die Bilanz analysiert zu haben und manches andere mehr!

Mein Buch zeigt im ersten Teil auf wie eine Bilanz entsteht und sich durch Geschäftsvorfälle fortschreibt, nach jedem Vorgang gibt es eine neue Bilanz. Und es behandelt im zweiten Teil auch Beispiele zu Bilanzfälschungen und vieles mehr. Wer diese 171 Seiten aufgenommen hat, ist gewappnet beziehungsweise sensibilisiert, auch für alle nicht explizit behandelten Unterpositionen von Bilanzpositionen!

Luis Pazos: Selbst Profis scheinen bisweilen mit der Analyse eines Jahresabschlusses überfordert zu sein. Wie kann – sagen wir mal – ein börsennotierten Zahlungsanbieter ein Viertel der Bilanzsumme so verschwinden lassen, dass dies einer – sagen wir – weltweit führende Wirtschaftsprüfungsgesellschaft nicht auffällt?

Reinhold Gagel: Fahrlässigkeit externer und interner Prüfungsbeauftragten leisten Vorschub zur Kriminalität!

Wenn ein mit der Aufsicht oder Prüfung von Vorgängen Betrauter nicht nach Nachweisen fragt und nicht immer ein gewisses „Misstrauen“ als Hauptwerkzeug walten lässt, dann nützt auch ein umfangreiches Wissen nicht, denn er handelt grob fahrlässig und damit unverantwortlich! In diesem Job darf es keine „ja ich glaube ihnen“ sondern einzig und allein um recht glaubwürdige Nachweise gehen.

Im derzeit kursierenden Finanzskandal hat der Prüfer eine Bilanz als richtig bestätigt, in der eine Position mit Namen Bankguthaben in Höhe von Milliarden Euro als vorhanden aufgeführt war. Er hat es halt geglaubt! In meinem Buch finden sich weitere Beispiele vor allem auch Hinweise, was bei kriminellen Handlungen auch noch mit einhergeht.

Luis Pazos: Weltweit gibt es ja unterschiedliche Standards in der Rechnungslegung. Ich selbst schätze zum Beispiel die Homogenität der Jahresabschlüsse in der angelsächsischen Welt (inklusive Ländern wie Singapur oder Hongkong). Gibt es hierbei fundamentale Unterschiede oder sind die Standards vergleichbar?

Reinhold Gagel: Ja, alle sind miteinander vergleichbar und zwar dahin gehend, dass bestehende Unterschiede, zum Beispiel beim Wertansatz von Halbfabrikaten in der Bilanz, die unterschiedlichen betriebs-sowie steuertechnischen Betrachtungen und Auslegungen darstellbar sind.

Jede auf einer nicht lokalen Rechnungslegungsvorschrift erstellte Bilanz kann durch entsprechende Überleitungs- oder Anpassungsbuchungen in eine lokale Bilanzdarstellung umgewandelt und damit mit anderen gleichgelagerten lokalen Unternehmensbilanzen verglichen werden. Man muss sich halt mit den Bewertungsvorschriften anderer Länder befassen, um die Unterschiede zu lokalisieren.

Luis Pazos: Welches sind die aus Ihrer Sicht die wichtigsten Kennzahlen des Jahresabschlusses, um sich als Privatanleger einen grundlegenden Blick über den Zustand eines Unternehmens verschaffen zu können?

Reinhold Gagel: Kennzahlen sind natürlich eine Hilfe. Kennzahlen jedoch, zu denen die Details der Basisdaten nicht offen gelegt werden, und solche gibt es, betrachtet man am besten mit Misstrauen.

Leicht verständlich und hilfreich sind zum Beispiel in Prozent dargestellt: Herstellkosten zum Umsatz, Kostenartenentwicklungen zum Umsatz, Gewinn vor und nach Ertragsteuern zum Umsatz, Verzinsung des Stammaktien- oder Gesellschaftskapitals, Durchschnittsverzinsung des bei den Aktiven gebundenen Vermögens bezogen auf die letzten zwölf Monate, Kapitalumschlag, Eigenkapitalanteil an der Bilanzsumme, der Fremdfinanzierungsanteil im Detail und vieles mehr. Vor allem aber auch zu beobachten, wie sich GuV und die Bilanzpositionen sowie Kennzahlen über die Jahre entwickelt haben.

Meine Devise war immer: Sichere Kapitalanlage bei möglichst hohem Eigenkapitalanteil, 40 Prozent oder mehr wären in einem Produktionsbetrieb vorzuziehen sowie eine gute Kapitalverzinsung infolge dauerhafter guter Gewinne. Und wenn Schulden, dann möglichst langfristige!

Vieles ist zu beachten und vor allem, wie der Fall Lufthansa zeigt, hohe angesammelte Gewinne als Gewinnvortrag im Unternehmen belassen zu haben, um Durststrecken aus aufkommenden Verlusten selbst verkraften zu können und nicht um Gelder der Steuerzahler zur Unternehmensrettung betteln zu müssen.

Ich verkneife mir die Bewertung von häufigen Vorgängen beim „Großkapital“, nämlich eigene Aktien aufzukaufen und die dadurch entstehende Liquiditätslücke mit Krediten auszugleichen.

Luis Pazos: Welche Bedeutung messen Sie in diesem Zusammenhang der Cashflow-Rechnung bei?

Reinhold Gagel:Der Cashflow ist ein ganz wichtiger Bestandteil des Finanzcontrolling und sehr aussagefähig, weil hier Summen der Periode gezeigt werden, während in der Bilanz nur Stichtagswerte zu finden sind!

Im Cashflow wird der Anfangsbestand der Periode aller liquiden Mittel, also Bank- und Barguthaben, gezeigt. Dann folgen eine Auflistung von Einnahmearten und danach eine Auflistung von Ausgabearten. Am Ende der Aufstellung sieht man dann den Endbestand der Liquiden Mittel und als Saldo zum Anfangsbestand wird erkennbar, ob die liquiden Mittel zu- oder abgenommen haben. Daneben kann man, oft sehr detailliert, erkennen, wofür Geld ausgegeben wurde und aus welchen „Quellen“ die erzielten Geldeingänge stammen zum Beispiel Geldeingänge in der Periode aus den fakturierten Umsätzen, Eingänge aus dem Verkauf von Anlagevermögen, usw.

Das sind alles im Grunde selbsterklärende Vorgänge. Da kann ich zum Beispiel durch Vergleich der Vorgänge mit jenen der Vorjahre auch erkennen, wieviel mehr Geld für höhere Anschaffungen im Anlagevermögen ausgegeben wurde. Oder auch für Firmenanschaffungen oder für Lagerbestandsausweitungen etc. Von da aus kann man dann Fragen nach Details stellen, welche aber von Unternehmen oft nicht oder nicht gerne veröffentlicht werden. Ich kann mir jedoch keine zusätzlichen Cashflow-Kennzahlen vorstellen, welche zu zusätzlichen Erkenntnissen führen könnten.

Luis Pazos: Welche Kennzahlen halten Sie im Gegenzug für überbewertet beziehungsweise wenig aussagekräftig?

Reinhold Gagel: Zum Beispiel die Kennzahl EBITDA ist meiner Meinung nach eine ganz gefährliche. Ausgeschrieben lautet diese: „Earnings Before Interest Taxes Depreciation and Amortisation“. Zu Deutsch: Ertrag (manche Leser meinen sogar Gewinn) vor Zinsen, Ertragsteuern, Abschreibungen auf Sachanlagen sowie Abschreibungen auf immaterielle Vermögensgegenstände.

Dieser Wert kann positiv sein obwohl der Betrieb einen dicken Verlust als tatsächlich erwirtschaftetes Ergebnis ausweist. Und ein Verlust zehrt am Eigenkapital beziehungsweise Gewinnvortrag, wenn ein solcher vorhanden ist. Bei dieser Kennzahl läuft der Leser Gefahr einer Fehleinschätzung, wenn er sich nicht vor Augen führt, dass die Zinsen und Abschreibungen ja auch Kosten und über den Umsatz wieder hereinzuholen sind.

Also Achtung, wenn das EBITDA positiv ist aber dennoch ein Verlust ausgewiesen wird.

Schauen sie mal in die Bilanzen von Konzernen. Dann werden Sie teilweise sehr hohe Werte für Fremdkapitalzinsen, Abschreibungen zum Anlagevermögen und auch auf immaterielle Vermögensgegenstände finden! Und in den Bilanzen finden Sie auf der Aktivseite die in den kommenden Jahren noch vorzunehmenden Abschreibungen. Was da schlummert ist teilweise ungeheuerlich!

Luis Pazos: Wo wird beim Jahresabschluss am meisten getrickst und auf welche konkreten Punkte sollten Investoren achten, um etwaige Unregelmäßigkeiten zu erkennen?

Reinhold Gagel: Investoren haben im Allgemeinen keine Chance in einer Bilanz Tricksereien zu erkennen. Oft sind da sogar Wirtschaftsprüfer und Steuerberater oder Revisoren überfordert, trotz Kontrollberechtigung.

Wie will man gegen folgende Darstellungen von Firmenleitern gegenargumentieren wenn einem erklärt wird, dass ein Goodwill, also der immaterielle Geschäfts- oder Firmenwert, aus einem Firmenzukauf auf viele Jahre abzuschreiben sei, weil das die Erwartungen der Zukunft hergeben?

Genau genommen kann man bei allen Bilanzpositionen tricksen, mit Ausnahme bei korrekt bestätigten Bankguthaben oder Bankschulden gem. den Bankauszügen. Aber auch hier, siehe Wirecard, kann betrogen werden.

Bei den Forderungen kann man notwendige Wertberichtigungen teilweise oder ganz unterlassen, bei den Beständen kann man bei den Stückzahlen oder den Wertansätzen manipulieren, beim Anlagevermögen kann man über die Nutzungsdauer manipulieren usw.

An dieser Stelle möchte ich auf die Schilderung eines Vorgangs in einer Maschinenbaufirma in meinem Buch hinweisen. Da hat eine Firma in der Bilanz zwei Neuentwicklungen (also zwei Maschinen) dreimal mit den Istherstellungskosten aktiviert. Einmal unter dem Anlagevermögen, einmal unter den Fertigprodukten und einmal als Neuentwicklung. Die Neuentwicklung war aber ein Flop und der Wirtschaftsprüfer konnte die beiden als Rosthaufen mit einer Plane abgedeckt am Bilanzstichtag sehen, wenn er gewollt hätte.

Zur Neuentwicklung hat diese Firma auch noch Entwicklungszuschüsse vom Staat erhalten und als Ertrag gebucht statt die Entwicklungsherstellungskosten um diese Zuschüsse zu reduzieren. In dieser Firma sind hohe Verluste angefallen, welche nicht an die Öffentlichkeit durften. Dem Fiskus war es egal und die Kreditgeber verfügten über Patronatserklärungen.

Je tiefer ein Prüfer in die Details geht umso größer sind die Chancen zu gewissen Erkenntnissen zu kommen.

Alle Manipulationen schlagen sich im Ergebnis nieder. Wer das Ergebnis nach oben trickst schielt möglicherweise auf (zusätzliche) Boni und bestraft seine Firma auch noch mit höheren Firmensteuern darauf! Mein Buch sensibilisiert mit Beispielen den Leser auch zu diesem Thema.

Luis Pazos: Kann die Fundamentalanalyse und hierbei insbesondere die Betrachtung der Kennzahlen aus dem Rechnungswesen dazu beitragen, dass Anleger mittel- bis langfristig im Durchschnitt bessere Investitionsentscheidungen fällen? Schließlich befassen sich weltweit Millionen von Analysten tagtäglich mit den Bilanzen börsennotierter Unternehmen.

Reinhold Gagel: Die Frage nach „besseren Entscheidungen“ dahingehend ausgelegt, dass man höhere Dividenden erzielt, nicht unbedingt, aber auf jeden Fall, weil wissensbasiert, mit viel mehr Sicherheit entschieden als das Unbedarfte können. Hier muss man sich aber mit dem Thema Kennzahlenanalyse auskennen, das heißt man muss sie deuten können!

Nun passieren weltweit immer wieder gravierende Dinge, welche die „Finanzwelt“ erschüttern. Und was da alles zu teils erheblichen Kurseinbrüchen an den Börsen passiert, was aber meist nichts mit den einzelnen Firmen zu tun hat, kann jeder aus der Tagespresse entnehmen, sammeln und so gut es ihm möglich ist in seine Entscheidungen mit einfließen lassen. Zum Beispiel welche Branchen sind mit häufig wiederkehrenden, zeitlich unvorhersehbaren Naturereignissen besonders konfrontiert usw.

Luis Pazos: Viele Unternehmen weisen ein sehr niedriges, bisweilen gar ein negatives Eigenkapital aus. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist McDonalds. Ist das per se schlecht oder ist die Kapitaldienstfähigkeit ein wichtigeres Kriterium als die Eigenkapitalquote?

Reinhold Gagel: Wenn ein Unternehmen nur ein geringes Eigenkapital hat, hat es in Krisenzeiten wenig Spielraum, um Liquiditätsengpässe aus Eigenmitteln zu überstehen. Dann kann es zu Zahlungsunfähigkeit kommen und im schlimmsten Falle zur Insolvenzeröffnung führen.

Eine hohe Eigenkapitalquote, zum Beispiel 40 Prozent statt nur zehn Prozent, lässt längere Durststrecken überstehen. Geldgeber achten auf diese Quote und die Ertragslage ganz besonders, bevor sie weiter Kredite zusagen. Ein negatives Eigenkapital bedeutet im Grunde, dass die Aktiven die Passiven (also Drittschulden) nicht mehr decken. Dann liegt im Normalfall Überschuldung vor!

Luis Pazos: Ganz konkret: Wie beziehungsweise in welcher Reihenfolge sollte sich ein (potenzieller) Aktionär dem Zahlenwerk eines Unternehmens nähern?

Reinhold Gagel: Die Bilanzen der letzten drei Jahre und die dazu gehörenden GuVs würde ich als allererstes in Augenschein nehmen. Dann würde ich mir die oben aufgeführten Kennzahlen vornehmen. Und so viel wie möglich nach Firmenberichten Ausschau halten, welche oft sehr viel Interessantes und die Börsenwelt Beeinflussendes hergeben.

Wer in dieser Richtung etwas vorhat, kann, wenn er mein Buch gelesen hat, zum Beispiel den Jahresbericht eines Konzerns zu einer umfangreichen Wissensvermehrung durchgehen. Ich habe in meinem Buch einen Jahresbericht der BASF für Analysezwecke herangezogen.

Luis Pazos: Ende der 1990er Jahre wurde im Zuge der Internetblase von vielen Anlegern wie Fachleuten die Abkehr von der traditionellen Bilanzierungspraxis gefordert, die Cash Burn Rate wurde beispielsweise zur Erfolgskennzahl hochstilisiert! Heutzutage gibt es mit Blick auf digitale Plattformen teilweise ähnlich Aussagen, wonach klassische Kennzahlen keine Aussagekraft mehr hätten. Zu Recht?

Reinhold Gagel: Das kann ich nicht unterstreichen, weil niemand nur aufgrund von einigen wenigen Zahlen seine Entscheidungen treffen sollte! Aus der GuV Erkenntnisse zu ziehen, welche das Zustandekommen des Betriebsergebisses darstellt einerseits und den Cashflow derselben Periode darzustellen andererseits, halte ich neben den Entwicklungen der Aktiv- und Passivpositionen zusammen mit den wichtigsten Kennzahlen für unersetzlich!

Das reicht aus, um fundierte Entscheidungen zu treffen, es sei denn, es ist Betrug mit im Spiel.

Luis Pazos: Ein im wahrsten Sinne des Wortes guten Einstieg in das Thema ist Ihr Buch „Wie man eine Bilanz liest“. Was hebt das Buch aus der Vielzahl gleichgerichteter Fachpublikationen hervor?

Reinhold Gagel: Die einmalige Art und die sehr gut verständliche Vorgehensweise der Themenvermittlung, ohne dass jemand sich mit Buchhaltung herumschlagen muss. Man muss nicht Buchhaltung lernen, um zu verstehen, wie eine Bilanz funktioniert. Logisch denken können und Lernen wollen reichen aus. Nach ein paar Stunden ist das Thema vermittelt.

Belesene auf diesem Gebiet meinten, meine Vorgehensweise sei einmalig. Buchhaltung lernen „müssen“ sollten nur jene, vielleicht 10 Prozent, welche später einmal diesen oder einen ähnlichen Beruf ausüben möchten.

Luis Pazos: Haben Sie abschließend noch weiterführende Literaturvorschläge für diejenigen Zuschauer zur Hand, die das Thema in der Tiefe ausloten wollen?

Reinhold Gagel: Da rate ich, dass man sich mit Presseberichten über Firmen befasst und gegebenenfalls auch mal eine Firma anschreibt um diese um deren Jahresberichte zu bitten. Heutzutage sind die Firmen im Internet mit ausführlichen Darstellungen gelistet, wenn auch nicht immer mit detaillierten Bilanzen und GuVs! Ist man Aktionär einer Gesellschaft bekommt man anlässlich der Jahreshauptversammlung einen Jahresbericht.

Gerne weise ich auch darauf hin, dass es einige Lehrbücher zum Thema Kennzahlen gibt.

Zum Buch

„Wie man eine Bilanz liest: Positionen analysieren, Kennzahlen lesen, Bilanztricks durchschauen – Leicht verständliches Grundlagenwissen für Schüler, Studenten und für jeden, der mit Bilanzen arbeitet“ von Reinhold Gagel erschien im Juni 2020 in dritter, überarbeiteter Auflage im FinanzBuch Verlag und kostet 19,99 Euro als Taschenbuch (*) sowie 15,99 Euro in der elektronischen Version (*).

Das praxisorientierte Buch ist aus einer Reihe von Seminaren entstanden, in denen Reinhold Gagel die Grundlagen der Bilanzierung einerseits an Schüler und interessierte Privatpersonen, andererseits an mittelständische Unternehmer, Anwälte, Bankmitarbeiter und andere Fachleute vermittelt hat. Die Seminare wie auch das Buch gliedern sich in zwei Teile.

Im ersten Teil wird die Entstehung einer Bilanz und deren Fortschreibung durch Geschäftsvorfälle behandelt. Im zweiten Teil steht die Bilanzkritik und Bilanzanalyse im Fokus, wobei auch auf Bilanzmanipulationen und deren Auswirkungen eingegangen wird. Kaufmännische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, weswegen sich der Titel auch sehr gut als Einstiegslektüre für Aktionäre eignet!

Wer das Thema erschöpfend vertiefen möchte, dem empfehle ich auch das Fachbuch „Unternehmensbewertung & Kennzahlenanalyse: Praxisnahe Einführung mit zahlreichen Fallbeispielen börsennotierter Unternehmen“ von Nicolas Schmidlin, das ich selbst mit Gewinn gelesen habe und als Taschenbuch (*) für 24,90 Euro beziehungsweise als elektronische Ausgabe (*) für 19,99 Euro käuflich erworben werden kann.

Zum Gesprächspartner

Reinhold Gagel startete im Jahr 1951 seine berufliche Laufbahn mit einer kaufmännischen Lehre zum Industriekaufmann. Bereits während der Ausbildung galt sein besonderes Interesse allem, was mit Finanzen und Betriebswirtschaft zu tun hatte.

Nach entsprechenden Weiterbildungen (Bilanzbuchhalter und Controller) und Tätigkeiten war Reinhold Gagel über mehrere Jahrzehnte zunächst als Abteilungsleiter und später als Geschäftsführer für Finanz- und Rechnungswesen, Controlling, EDV und Personal in mehreren mittelständischen Unternehmen zuständig. Seine Branchenerfahrung umfasst den Maschinenbau, die Medizintechnik, die Gebrauchsgüterproduktion sowie den Handel.

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    9 Antworten auf „Geldgespräch – Bilanzexperte Reinhold Gagel“

    1. Meine Lieblingskennzahl(en) sind zum einen das Beta, welches die Schwankungsbreite zum Markt angibt und für mich unter 1 liegen sollte. Dann finde ich die Eigenkapitalquote als Verlustpuffer wichtig. Auch wenn der Vorstand selbst investiert ist finde ich wichtig.

      Würde mich sehr über das Buch freuen. Mache bitte weiter einen so Contentstarken Podcast!

    2. Meine Lieblingszahlen sind zu einem die Mitarbeiterzahl, denn welches seriöse Unternehmen stellt schon Personal ein, wenn es keine Zukunftsperspektive sieht und zum anderen die Forschungs- und Entwicklungsquote, schließlich muss und soll der unternehmerische Burggraben verteidigt werden.
      Den Podcast fand ich sehr informiert und freue mich auf weitere Inhalte von dir.

    3. Leider wurde das Thema im Studium nicht gut aufbereitet und hatte nicht mein Interesse geweckt.
      So oder so werde ich mich dem wichtigen Thema mit dem Buch von Herrn Gabel auseinandersetzen. Ich freue mich darauf!

    4. Ich denke, dass es nicht eine Kennzahl gibt, die man für alle Unternehmen nehmen kann. Es hängt vielmehr vom Geschäftsmodell ab. Bei Immobilien Unternehmen schaue ich auf den adj. FFO, bei Industrie Unternehmen eher auf Cash Flow und bei Banken eher auf die Gewinne.

    5. Ein gutes und interessantes Interview, auch wenn mir persönlich einiges schon geläufig war.
      Meine Lieblingskennzahl ist die Umsatzrentabilität, also das Verhältnis von Gewinn zum Umsatz. Für mich deutet eine hohe Umsatzrentabilität nämlich auf ein starkes Geschäftsmodell hin.

    6. Schöne Folge weil sehr speziell, bekommt man auch sonst nirgends zu hören, außer bei dir Luis 🙂

      Lieblingskennzahl aus der Bilanz. Eigenkapital zur Anzahl der ausgegebenen Aktien. Ich will gerne wissen, was hinter einer Aktie an Wert steht (wobei ich den Goodwill immer nicht berücksichtige, ist nur in seltenen Fällen gerechtfertigt). Außerdem rechne ich mir oft meinen theoretischen Anteil am Unternehmen aus, so z.b. wieviele Mietautos oder m2 Mietfläche eines Unternehmens auf mich entfallen.

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