Verhaltensökonomik – Vier kognitive Verzerrungen

Ein Gastbeitrag des Blogger-Teams von Modern Wealth

An der Börse sind diejenigen am erfolgreichsten, die in der Lage dazu sind, auf ihren Verstand zu hören und alles andere auszublenden. Fakt ist aber: Kaum einer schafft es, zu einhundert Prozent rational zu bleiben, wenn er den Kauf oder Verkauf eines Anlageprodukts in Betracht zieht. Der Mensch, ein emotionales Wesen. Das ist auch der Grund, warum Spekulationsblasen an den Märkten entstehen und warum manche Aktien trotz der hohen Qualität des dahinterstehenden Unternehmens zu Spottpreisen verkauft werden.

In der Psychologie gibt es mit der Behavioral Finance (zu Deutsch: verhaltensorientierte Finanztheorie) ein ganzes Forschungsgebiet, das sich einzig mit den psychologischen Einflüssen auf das Anlegerverhalten beschäftigt. Einen besonderen Fokus legen die Wissenschaftler dabei auf Biases, also kognitive Verzerrungen, aus denen allzu häufig falsche Urteile entspringen. An der Börse können solche falschen Urteile viel Geld kosten. Im Folgenden wollen wir vier Biases vorstellen, denen jeder noch so rationale Anleger zum Opfer fallen kann. Zudem möchten wir zeigen, wie man sie bemerkt und wie man sich vor ihnen schützen kann.

Verzerrung Nummer 1: Endowment-Effekt

Der Endowment-Effekt besagt, dass Anleger ihre eigenen Wertpapiere oft anders bewerten als fremde. Befindet sich eine Aktie im persönlichen Besitz, so wird diese in einem besonders hellen Licht betrachtet. Aktien von außerhalb bewertet man derweil auf einer viel rationaleren Basis, z.B. mithilfe einer tiefgehenden Fundamentalanalyse.

Dieser Bias ist deshalb so gefährlich, weil er einen davon abhält, sich von einem Unternehmen zu trennen, selbst wenn dieses nicht mehr den ursprünglichen Ansprüchen genügt. Ein Praxisbeispiel zur Wirkungsweise des Endowment-Effekts liefert der Fall Wirecard. Viele Anleger hielten noch Wochen nach der Pleite an den Aktien fest, weil sie glaubten, der Kurs werde bald wieder steigen – eine Fehlannahme, die Anlegern schlussendlich den Totalverlust bescherte.

Wer nicht selbst zum Beispiel für den Endowment-Effekt werden möchte, sollte sein Portfolio stets mit prüfendem Blick betrachten. Ließ stets die Geschäftsberichte eines Unternehmens und verfolge dessen Entwicklung. Und vergiss nicht, dass es noch andere Wertpapiere gibt, die du kaufen kannst, sollte dein Favorit an Qualität verlieren.

Verzerrung Nummer 2: Verlustaversion

Verluste treffen uns härter als Gewinne. Das ist die Annahme der Verlustaversion. Verliert man 100 Euro ist der dabei empfundene Schmerz demnach größer als die Freude über den Gewinn desselben Betrags. Einige Studien glauben sogar herausgefunden zu haben, dass der Verlustschmerz im Geiste ungefähr doppelt so schwer wiegt, wie die Gewinnfreude.

Jetzt könnte man meinen, die Verlustaversion sei keine schlechte Sache, weil sie ja das Risikobewusstsein stärkt. Dem ist aber nicht so, wenn man sich die Opportunitätskosten vor Augen führt, denen sich übervorsichtige Anleger ausgesetzt sehen. So verpassen sie möglicherweise gute Investmentchancen. Manche Anleger wagen es sogar nicht einmal, über risikoarme Geldanlagen wie das Sparbuch hinauszugehen. In diesem Fall kommen zu den Opportunitätskosten noch reale Verluste hinzu, die dadurch entstehen, dass die Inflation am Vermögen nagt.

Darüber hinaus fällt es Anlegern schwer, ein Fehlinvestment zu verkaufen, weil sie dann Verluste einstreichen müssten. Sie halten also das Wertpapier und warten auf einen Kursanstieg, der vielleicht niemals eintritt. Auch hier bietet der Fall Wirecard das Paradebeispiel. Als Heilmittel gegen die Verlustaversion hilft allein schon die Kenntnis darüber, wie auch der Aufbau eines breit diversifizierten Portfolios, das aus mehreren Anlageklassen besteht.

Vier kognitive Verzerrungen

Verzerrung Nummer 3: Confirmation Bias

Der Confirmation Bias oder auch Bestätigungsfehler beschreibt die Eigenschaft, bestätigende Informationen für eine bereits vorgefertigte Meinung zu suchen. Ein Beispiel hierfür stellt der Anleger dar, der ein Unternehmen analysiert, das ihm schon von vornherein sympathisch war. Statt auch nach möglichen Stolpersteinen zu suchen, hält er nur nach Daten Ausschau, die ihn in seiner ursprünglichen Annahme bestätigen. Kommen einmal unliebsame Daten auf, werden diese einfach ignoriert.

Warum dieser Anlegerbias so gefährlich ist, erklärt sich von selbst. Sucht man immer nur nach Bestätigung bei der Analyse eines Unternehmens oder Finanzprodukts, entgehen einem die möglichen Risiken. Diese Leichtfertigkeit kann später ein ordentliches Loch in den Geldbeutel reißen. Schützen kann man sich vor dem Confirmation Bias, indem man andere Meinungen einholt und sich über objektive Quellen informiert. Anleger sollten hierbei bedenken, dass selbst Geschäftsberichte, die strengen Kriterien unterliegen, noch so weit wie möglich von den Herausgebern beschönigt werden.

Verzerrung Nummer 4: Authority Bias

Vertraut man Anlagetipps von Experten, einfach nur, weil diese Autorität ausstrahlen, ist man Opfer des Authority Bias geworden. Diese kognitive Verzerrung besagt, dass wir Menschen mit besonderem Rang und Namen zu sehr vertrauen, wenn es um unsere eigenen Anlageentscheidungen geht. Die Folge davon ist, dass wir blind Aktien kaufen oder zumindest zum Confirmation Bias tendieren, weil wir eine gewisse Meinung bereits für die richtige halten.

Natürlich darf man sich Tipps von Experten holen. Nur sollte man versuchen, sich einen Gesamteindruck zu verschaffen, d. h. gleich mehrere Meinungen einzuholen. Das gilt selbst dann, wenn man Börsenlegenden, wie Warren Buffett oder Peter Lynch, zuhört.

Noch gefährlicher wird der psychologische Effekt, wenn man jemandem eine Autorität zuschreibt, die diese Person vielleicht gar nicht verdient hat. Im Internet findet man zig „Experten“, die einen euphorisch mit den verschiedensten Aktienempfehlungen bombardieren. Seriös ist das nicht. Bevor man diesen Menschen weiter zuhört, sollte man deren Expertise genauestens unter die Lupe nehmen.

Über die Autoren

Modern Wealth ist ein neues Online-Magazin für junge Erwachsene, die ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen möchte. Jeden Tag erscheinen dort mehrere Beiträge zu den Themen Geldanlage, Sparen und Vermögensaufbau. Ziel der beiden Gründer Florian und Tobias Dausel ist es, mehr Menschen in Deutschland mit einem umfassenden Wissen über die Finanzwelt zu versorgen, sodass Bankberater und Fondsmanager irgendwann nur noch optional sind.

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