Inhalt
- Geldschöpfung und Fußballgeschäft
- Podcast im Videoformat
- Irving Fisher und die Suche nach einem stabileren Geldsystem
- Warum Kreditzyklen Krisen verschärfen können
- Fishers Konzept des 100-Prozent-Geldes
- Wie die FIFA ihr Geschäftsmodell entwickelte
- Milliardenumsätze, hohe Ticketpreise und Korruption
- Medienempfehlungen
- Alle Podcastfolgen
- Podcast abonnieren
- Income Insights
- Beitrag teilen
- Deine Meinung
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Geldschöpfung und Fußballgeschäft
Der Ökonom Irving Fisher suchte nach der Weltwirtschaftskrise nach einem Weg, Banken und Geldsystem krisenfester zu machen. Jahrzehnte später entwickelte sich die FIFA von einem vergleichsweise bescheidenen Sportverband zu einer Organisation mit Milliardenumsätzen. Beide Geschichten führen zu Institutionen, deren Funktionsweise sich nur verstehen lässt, wenn Geldströme, wirtschaftliche Anreize und historische Entwicklung gemeinsam betrachtet werden.
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- 0:00:00 Alan Greenspan und das Erbe der Finanzkrisen
- 0:04:56 Irving Fisher sucht die Ursache von Krisen
- 0:10:11 Der radikale Plan für ein neues Geldsystem
- 0:14:24 Wie Banken Geld aus dem Nichts schaffen
- 0:18:39 Fisher will Geld und Kredit trennen
- 0:23:12 Wer soll künftig das Geld erschaffen?
- 0:27:03 Wie 100-Prozent-Geld Banken stabilisieren soll
- 0:31:41 Drei Lehren aus Fishers Geldgeschichte
- 0:35:53 Die Fußball-WM wird zum Wirtschaftsfaktor
- 0:42:20 Wie die FIFA zur globalen Geldmaschine wird
- 0:47:40 Fernsehrechte und Sponsoren bringen Milliarden
- 0:53:45 Ticketpreise und die Kommerzialisierung der WM
- 0:58:42 Korruption erschüttert das System FIFA
- 1:01:39 Lohnt sich eine WM für das Gastgeberland?
- 1:05:17 Wer am Milliardengeschäft Fußball verdient
Irving Fisher und die Suche nach einem stabileren Geldsystem
Als Alan Greenspan im Alter von 100 Jahren starb, endete das Leben eines Zentralbankers, dessen Amtszeit wie kaum eine andere mit den großen Auf- und Abschwüngen der Finanzmärkte verbunden war. Fast 20 Jahre stand er an der Spitze der US-Notenbank. In diese Zeit fielen der Börsencrash von 1987, der lange Bullenmarkt der 1990er Jahre, die Dotcom-Blase und schließlich jene Entwicklungen, die der Immobilien- und Kreditkrise ab 2007 vorausgingen.
Bereits rund 100 Jahre zuvor beschäftigte sich Irving Fisher mit genau dieser Frage: Warum geraten Finanzmärkte und Volkswirtschaften immer wieder in einen Zyklus aus Boom und Krise?
Fisher, 1867 im Bundesstaat New York geboren, war der bekannteste Ökonom seiner Zeit. Seit 1898 lehrte er an der Yale University. Konzepte wie Preisindizes und die Quantitätsgleichung des Geldes sind eng mit seinem Namen verbunden.
Seine Karriere erlitt jedoch 1929 einen schweren Bruch. Wenige Tage vor dem Schwarzen Donnerstag erklärte Fisher, die Aktienkurse hätten ein dauerhaft hohes Niveau erreicht. Dann begann der größte Einbruch des amerikanischen Aktienmarktes der modernen Geschichte. Fisher verlor einen erheblichen Teil seines Vermögens und zugleich sein wissenschaftliche Reputation.
Die Erfahrung führte ihn zu einer intensiven Beschäftigung mit der Entstehung schwerer Wirtschaftskrisen. Seine Antwort lautete: Nicht das marktwirtschaftliche System an sich sei instabil, sondern das Geldsystem.
1935 veröffentlichte er sein Buch „100% Money“. Darin entwickelte er einen weitreichenden Reformvorschlag. Banken sollten krisenfester werden, Inflation und Deflation begrenzt und schwere wirtschaftliche Depressionen verhindert werden.
Ausgangspunkt seiner Überlegungen war eine alltägliche Beobachtung. Wer 10.000 Euro auf seinem Girokonto sieht, spricht selbstverständlich davon, dieses Geld zu besitzen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine Forderung gegenüber der Bank.
Banken halten nur einen Teil der täglich verfügbaren Kundenguthaben in Form von Bargeld oder Zentralbankgeld. Der übrige Teil ihrer Bilanz besteht aus Krediten, Wertpapieren und anderen Vermögenswerten.
Entscheidend war für Fisher jedoch ein anderer Mechanismus: Banken verleihen nicht lediglich bereits vorhandenes Geld. Durch die Vergabe eines Kredits entsteht neues Buchgeld. Wird der Kredit zurückgezahlt, verschwindet dieses Geld wieder.
Damit hängt die Geldmenge einer Volkswirtschaft maßgeblich von der Entwicklung der Kreditvergabe ab.
Warum Kreditzyklen Krisen verschärfen können
Fisher sah darin einen grundlegenden Konstruktionsfehler des bestehenden Systems. Geschäftsbanken bezeichnete er sinngemäß als private Gelddruckereien. Sie druckten zwar keine Banknoten, konnten aber durch Kreditvergabe neue Guthaben schaffen.
In den USA der 1930er Jahre war dieses sogenannte Checkbuchgeld bereits das dominierende Zahlungsmittel. Das System funktionierte, solange die Bankkunden auf seine Verlässlichkeit vertrauten.
Während der Weltwirtschaftskrise brach dieses Vertrauen zusammen. Kunden wollten ihre Guthaben in Bargeld umtauschen. Banken mussten Vermögenswerte verkaufen, Kredite zurückfahren und Sicherheiten insolventer Schuldner verwerten.
Damit verschärfte sich die Krise. Durch Kredittilgungen und Bankenzusammenbrüche verschwand Buchgeld aus dem Wirtschaftskreislauf. Gleichzeitig führten Zwangsverkäufe zu sinkenden Vermögenspreisen. Die Sicherheiten für bestehende Kredite verloren an Wert, während die nominalen Verpflichtungen der Schuldner bestehen blieben.
Für Fisher lag darin ein wesentlicher Mechanismus der Depression. Die wirtschaftlichen Grundlagen waren weiterhin vorhanden: Fabriken, Wissen und Arbeitskräfte verschwanden nicht. Was schrumpfte, war die Geldmenge, die den wirtschaftlichen Austausch ermöglichte.
Der Zusammenhang ist auch für Anleger von Bedeutung. Vermögenspreise werden nicht allein durch Zinsen beeinflusst. Die Entwicklung der Kreditmenge spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. In einer Aufschwungphase vergeben Banken mehr Kredite. Neues Buchgeld entsteht, die Nachfrage nach Aktien, Immobilien und anderen Vermögenswerten nimmt zu.
Dreht sich der Kreditzyklus, kann der Prozess in die entgegengesetzte Richtung laufen. Banken werden vorsichtiger, Kredite werden zurückgezahlt oder fallen aus, die Geldmenge schrumpft. Investitionen und Nachfrage gehen zurück, Vermögenspreise geraten unter Druck.
Fishers Konzept des 100-Prozent-Geldes
Fishers Antwort auf dieses Problem bestand nicht in höheren Eigenkapitalquoten, einer strengeren Bankenaufsicht oder schärferen Regeln für die Kreditvergabe. Er wollte Geld und Kredit voneinander trennen. Banken sollten weiterhin Kredite vergeben dürfen. Sie sollten dabei jedoch kein neues Geld mehr schaffen können.
Sämtliche täglich verfügbaren Guthaben auf Girokonten sollten deshalb vollständig durch Bargeld oder Zentralbankgeld gedeckt sein. Hätte eine Bank eine Milliarde Dollar an entsprechenden Kundeneinlagen, müsste sie auch eine Milliarde Dollar an Zentralbankgeld vorhalten.
Das Girokonto würde dadurch seinen Charakter verändern. Das Guthaben wäre nicht länger lediglich eine Forderung gegenüber der Bank. Fisher verglich das Modell mit einem Lagerhaus: Wer dort einen Sack Getreide einlagert, erwartet ebenfalls nicht, dass der Betreiber dessen Inhalt weiterverkauft.
Das Kreditgeschäft sollte dennoch erhalten bleiben. Banken müssten sich das dafür erforderliche Kapital gezielt beschaffen. Denkbar wären Spar- und Festgelder, Eigenkapital oder die Ausgabe langfristiger Anleihen.
Mit diesen Mitteln könnten weiterhin Unternehmen finanziert und Hypotheken vergeben werden. Nicht mehr möglich wäre es hingegen, durch einen einfachen Buchungsvorgang zusätzliches Geld entstehen zu lassen.
Für die Umstellung des Systems sah Fisher die Schaffung neuen staatlichen Geldes vor. Damit sollten Vermögenswerte der Banken übernommen und die bestehenden Giroguthaben vollständig gedeckt werden. Nach dieser einmaligen Umstellung sollte die Geldschöpfung ausschließlich bei einer öffentlichen Währungsbehörde liegen.
Von der Reform versprach sich Fisher vor allem eine Begrenzung der wirtschaftlichen Ausschläge. Während eines Booms sollte die Geldmenge nicht mehr durch eine stark wachsende Kreditvergabe aufgebläht werden. Umgekehrt könnte sie während einer Krise nicht durch Kredittilgungen und Bankenzusammenbrüche ebenso schnell schrumpfen.
Klassische Bank Runs wären unter diesen Bedingungen kaum mehr möglich. Die Guthaben auf den Girokonten wären jederzeit vollständig vorhanden.
Banken könnten weiterhin schlechte Kredite vergeben, Verluste erleiden und insolvent werden. Das Zahlungssystem wäre davon jedoch getrennt. Fisher unterschied ausdrücklich zwischen dem Risiko des Kreditgeschäfts und der Sicherheit des Zahlungsverkehrs.
Ob dieses Konzept funktioniert hätte, lässt sich nicht beantworten. Umgesetzt wurde es nicht. Bemerkenswert bleibt, dass Fragen nach Geldschöpfung, Kreditzyklen und der Stabilität des Bankensystems fast 100 Jahre nach Erscheinen des Buches weiterhin diskutiert werden.
Wie die FIFA ihr Geschäftsmodell entwickelte
Auch die zweite Geschichte beginnt mit der Entwicklung einer Institution. Die FIFA war Anfang der 1970er Jahre ein vergleichsweise bescheidener und stark europäisch geprägter Sportverband.
An ihrer Spitze stand der Engländer Sir Stanley Rous. Der Wandel begann 1974 mit João Havelange. Der brasilianische Geschäftsmann und Sportfunktionär führte einen internationalen Wahlkampf um die FIFA-Präsidentschaft. Besonders kleinere Verbände in Afrika und Asien umwarb er mit dem Versprechen größerer Mitsprache, finanzieller Unterstützung und zusätzlicher Plätze bei Fußball-Weltmeisterschaften.
Havelange gewann die Wahl. Für die Umsetzung seiner Pläne benötigte die FIFA jedoch zusätzliche Einnahmen. Eine entscheidende Rolle spielte Horst Dassler, Sohn des Adidas-Gründers Adolf Dassler. Hinzu kam der britische PR-Fachmann Patrick Nally. In diesem Umfeld entstand ein Geschäftsmodell, das den internationalen Sport grundlegend verändern sollte.
Die Sponsoringrechte einer Weltmeisterschaft wurden gebündelt und exklusiv an wenige globale Unternehmen verkauft. Diese erhielten die Möglichkeit, sich als offizielle Partner des Turniers zu präsentieren. Einer der ersten großen Partner war Coca-Cola.
Parallel dazu entwickelte sich eine zweite Einnahmequelle. Fernsehsender mussten für die Übertragungsrechte der Weltmeisterschaft bezahlen. Die Kombination aus exklusiven Sponsoren und zentral vermarkteten Fernsehrechten bildet bis heute das wirtschaftliche Fundament der FIFA.
1982 wurde dieses System weiter institutionalisiert. Horst Dassler gründete gemeinsam mit der japanischen Werbeagentur Dentsu die International Sport and Leisure, kurz ISL. Das Unternehmen vermarktete die Rechte der FIFA als Zwischenhändler.
Aus einem finanziell begrenzten Sportverband wurde innerhalb weniger Jahre eine wirtschaftlich erfolgreiche Organisation. Gleichzeitig wuchs das Turnier. Auf 16 Mannschaften folgten 24, ab 1998 waren es 32 und bei der Weltmeisterschaft 2026 erstmals 48 Teams.
Milliardenumsätze, hohe Ticketpreise und Korruption
Die wirtschaftliche Dimension des heutigen Weltfußballs zeigt sich in den Zahlen. Für den Zyklus von 2023 bis 2026 hatte die FIFA zunächst Einnahmen von elf Milliarden US-Dollar veranschlagt. Später wurde die Prognose auf 13 Milliarden Dollar erhöht.
Der größte Teil der Einnahmen stammt weiterhin aus Fernsehrechten und Sponsoring. Bei der Weltmeisterschaft 2026 gewinnen zusätzlich Ticketverkäufe und Hospitality-Angebote an Bedeutung.
Gleichzeitig ist die FIFA als gemeinnütziger Verein nach Schweizer Recht organisiert. Nach eigener Darstellung fließen die Einnahmen zurück in die Entwicklung des Fußballs und die 211 Mitgliedsverbände.
Kritik entzündet sich unter anderem an der zunehmenden Kommerzialisierung des Turniers. Bei der Weltmeisterschaft 2026 setzte die FIFA auf Dynamic Pricing. Ticketpreise konnten entsprechend der Nachfrage steigen. Gleichzeitig wurden größere Teile der Stadien für Sponsoren und Hospitality-Angebote reserviert.
Auch die Geschichte des Geschäftsmodells selbst blieb nicht frei von Problemen. Nach dem Tod Horst Dasslers geriet ISL wirtschaftlich unter Druck und wurde 2001 insolvent. Bei der Aufarbeitung stellte sich heraus, dass über Jahre Millionenzahlungen an Funktionäre geflossen waren.
2015 folgte der große Einschnitt. Schweizer Ermittler nahmen im Auftrag der US-Justiz hochrangige FIFA-Funktionäre fest. Die amerikanischen Behörden erhoben Anklage gegen 14 Personen. Im Mittelpunkt standen Bestechungsgelder im Zusammenhang mit Marketing- und Fernsehrechten sowie der Vergabe von Turnieren.
Damit stellte sich auch die Frage nach den Anreizen innerhalb eines Systems, in dem eine Institution ein weltweit begehrtes Gut kontrolliert und exklusive Rechte mit erheblichem Ermessensspielraum vergibt.
Ähnlich fällt die wirtschaftliche Betrachtung der Gastgeberländer aus. Vor Weltmeisterschaften werden regelmäßig Wachstum, Arbeitsplätze und zusätzliche Tourismuseinnahmen erwartet. Untersuchungen kommen jedoch häufig zu dem Ergebnis, dass die langfristigen wirtschaftlichen Effekte die hohen Ausgaben nicht im versprochenen Umfang rechtfertigen.
Ein Problem sind Verdrängungs- und Substitutionseffekte. Normale Touristen und Geschäftsreisende meiden während eines Großereignisses möglicherweise das Gastgeberland. Einheimische Fußballfans geben Geld rund um das Turnier aus, das sie ansonsten für andere Zwecke verwendet hätten.
Hinzu kommen die sogenannten weißen Elefanten: Teure Prestigebauten, deren langfristiger Unterhalt ihren wirtschaftlichen Nutzen übersteigt. Ein Beispiel liefert die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien, bei der Stadien an Orten entstanden, die langfristig kaum ausreichende Zuschauerzahlen erreichen konnten.
Die Einnahmen aus Fernsehrechten, Sponsoring und Tickets fließen überwiegend an die FIFA. Einen erheblichen Teil der Kosten für Infrastruktur, Sicherheit und Durchführung tragen dagegen die Gastgeber.
Medienempfehlungen
Bei dieser Folge der Geldgeschichte haben wir uns unter anderem auf folgende Quellen gestützt, die wir zur Vertiefung der Themenschwerpunkte empfehlen können:
- Irving Fisher: 100%-Money – 100%-Geld (*)
- Andrew Zimbalist: Circus Maximus – The Economic Gamble Behind Hosting the Olympics and the World Cup (*)
- Alex Edmans / Diego García / Øyvind Norli: Sports sentiment and stock returns
- FIFA: Annual Report 2025
Immer einen musikalischen Abstecher wert ist zudem die Playlist der Geldgeschichte(n) auf Spotify, welche alle Musikstücke umfasst, auf die wir bisher in unserem Format referenziert haben!
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Eine frische Folge unseres gemeinsamen Podcastformats mit jeweils zwei lehrreichen Geldgeschichten erscheint jeden letzten Freitag im Monat! Sämtliche Ausgaben der Geldgeschichte(n) lassen sich zudem über das Pocast-Archiv abrufen.
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