Rezension – Nie wieder Zinsen: Wie Sie in der Nullzins-Eiszeit immer noch Geld verdienen können

Titelbild von Nie wieder Zinsen

Von Gerhard Massenbauer, 208 Seiten, 19,99 Euro, FinanzBuch Verlag 2017.

Unabhängig davon, dass der Titel in die Irre führt (siehe weiter unten) handelt es sich beim vorliegenden Buch im Kern um eine äußerst hellsichtige und unkonventionelle Abhandlung zur Zins- und Geldtheorie mit hohem Lernpotenzial. Hierzu wird dem Leser allerdings einiges an Konzentration und Aufmerksamkeit abverlangt, Freunde seichter Lektüre werden kaum auf ihre Kosten kommen.

Worum geht es? Aus historischer Perspektive waren die Zinsen in den letzten 5.000 Jahren nie niedriger als heute. In Antike und Mittelalter bewegten sich das Zinsniveau zwischen fünf und zwanzig, von der Renaissance bis zum Ersten Weltkrieg sehr konstant zwischen zwei und sechs Prozent. Nach der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bis in die 1980er Jahre hinein bewegten sich die Zinsen unter heftigen Schwankungen auf ein hohes Niveau, um seither kontinuierlich zu fallen. Hierzu beigetragen haben auch die seit 1987 wiederholten Liquiditätsspritzen der Zentralbanken als Reaktion auf eingetretene (Finanzmarkt-)Krisen. Heute stehen sie bei beziehungsweise teils unter null Prozent. Gleichzeitig stieg parallel zum Fall der Zinsen die Staatsverschuldung der OECD-Länder auf 111 Prozent der Wirtschaftskraft (Stand 2014) – das höchste Niveau in Friedenszeiten.

Was bedeutet das Nullzinsumfeld für die Geld- und Finanzmärkte? Wie sind die Perspektiven für die wirtschaftliche Entwicklung? Und wie können beziehungsweise müssen Anleger agieren, wollen sie ihr Vermögen zumindest erhalten? Genau diesen Fragen geht Gerhard Massenbauer, Vermögensverwalter und ausgewiesener Währungsfachmann, in „Nie wieder Zinsen“ auf den Grund.

Teil 1: Die Liquiditätsfalle

Sinkt das Zinsniveau unter eine bestimmte Marke, Massenbauer orientiert sich hier an Keynes drei Prozent, kommt es zu mehreren, in Summe schwerwiegenden Folgen auf dem Geld- und Kreditmarkt. Zum einen sehen die Geldhalter keine Veranlassung, auf ihren Liquiditätsvorteil der sofortigen Zahlungsfähigkeit zu verzichten. Gleichzeitig werden sie gezwungen, gegen ihre Risikoneigung zu handeln, um überhaupt eine positive Realverzinsung auf ihr Geldvermögen zu erhalten. Dies wird allein daran deutlich, dass das Volumen an Staatsanleihen mit Negativzinsen von Mitte 2015 bis Mitte 2016 von zwei auf 13 Billionen US-Dollar angestiegen ist. Dies wird durch Negativ- alias Strafzinsen auf das Halten von Geld verstärkt.

Zum zweiten wird durch Unterschreitung des Marktzinses der Konjunkturzyklus ausgehebelt. Es überleben zu viele Unternehmen, die einem höheren Zinsniveau insolvent wären. Wachstum ist in so einem Umfeld vor allem durch Verdrängungswettbewerb erzielbar. Der wiederum begünstigt große Unternehmen, die mittelmäßige Waren aus Massenproduktion zu niedrigen Preisen anbieten können. Dieses Überangebot begünstigt ein deflationistisches Umfeld und schwächt die Gesamtwirtschaft. Das Nachsehen haben gegebenenfalls junge und innovative Unternehmen, die als Anschubfinanzierung ein Mindestpreisniveau benötigen. Die Gemengelage wirkt sich damit natürlich auch mangels Gewinnaussichten auf die Investitionsbereitschaft aus.

Zum drittes vergeben in einem Nullzinsumfeld die Banken ungerne Kredite. Üblicherweise verdienen Sie an der Zinsspanne, für die in diesem Szenario der Raum immer kleiner wird, da ein Habenzins unter null Prozent durch Bargeldhaltung unterlaufen werden kann. So werden nur noch Nullrisikokredite oder Kredite mit hoher Risikoprämie vergeben. Im Gegenzug profitieren die Banken allerdings auch davon, dass viele Kreditnehmer aufgrund der niedrigen Zinsen nicht insolvent werden. In Summe kann das Nullzinsniveau nicht zu Ausweitung des Kreditvolumens führen, es reduziert dies sogar.

Teil 2: Die Zombiewirtschaft

Wie bereits im ersten Teil angedeutet begünstigen Nullzinsen die Entwicklung hin zu einer Zombiewirtschaft: Unternehmen, die wirtschaftlich eigentlich nicht mehr überlebensfähig sind, leben dank des künstlich gedrückten Zinsniveaus trotzdem weiter. Das wiederum schwächt jene Firmen, die eigentlich gesünder sind, aber aufgrund der im Markt verbleibenden Konkurrenz geschwächt werden. Der Angebotsüberhang hat zur Folge, dass die Wirkung, die mit den Negativzinsen verfolgt wird, nämlich die Wirtschaft zu beleben, gerade nicht erreicht werden kann. Verstärkend wirkt sich dabei die Verbreitung der Angebotsbasis durch Digitalisierung und Globalisierung aus. Als Indikator hierfür macht Massenbauer die massiven Aktienrückkäufe in jüngerer Zeit aus. Sie erzeugen ein künstliches Gewinnwachstum statt realwirtschaftlicher Produktivität.

Fazit: Eine expansive Wirtschaftsentwicklung ist in einem hoch verschuldeten, deflationistischen Umfeld kaum möglich. Wie kann die Volkswirtschaft wieder produktiver werden? Hierzu müssten die Zinsen erhöht und eine Marktbereinigung zulassen werden. Dies scheint jedoch abwegig, da zahlreiche Staaten in den letzten Jahrzehnten zu viele Wahlversprechen eingelöst und Fixkostenblöcke geschaffen haben. Damit haben Staaten ein vitales Eigeninteresse an niedrigen Zinsen, dem die Notenbanken in der Regel nachkommen. Als Folge wird die Zombiewirtschaft am Leben erhalten, statt der notwendigen Bereinigungen erfolgen gegebenenfalls Notverstaatlichungen. So war die Bank of Japan Ende 2016 bereits bei über einem Drittel aller im Nikkei-225-Index vertretenen Unternehmen der größte Einzelinvestor. Erschwerend kommt in weiten Teilen der westlichen Welt der demographische Schwund hinzu: Hier prallen der „Sacro Egoismus“ der „Alten“ und die No-Future-Mentalität der „Jungen“ aufeinander. Als positiv wertet der Autor wiederum die Prognose eines auch in Zukunft weltweit steigenden Wohlstandes und den gemutmaßten Wegfall großer Kriege (die in der Vergangenheit tendenziell inflationär gewirkt haben).

Teil 3: Vermögenssicherung

Angesichts von Liquiditätsfalle und Zombiewirtschaft hält Massenbauer die in der Vergangenheit erfolgreichen Strategien für unzweckmäßig. An dieser Stelle geht er auf die überragende volkswirtschaftliche Bedeutung des Zinses ein, über den sich letztlich alle Preise definieren: „In den letzten 30 Jahren konnte man nur verlieren, wenn man nicht investiert war. […] Die Ursache für den Anstieg aller Anlageklassen seit Mitte der 1980er-Jahre war fast eindimensional: Die Zinsen sind in den letzten drei Jahrzehnten gesunken.“ Das ist aber nur der eine Teil der Gleichung, der zweite ist weniger verheißungsvoll: „Die Zinsen werden lange Zeit sehr tief bleiben können, irgendwann werden sie aber steigen. […] Wenn Nullzinsen keinen Ertrag abwerfen können, müssen steigende Zinsen Verluste bringen.“ Steigen die Zinsen, führt das zu einem allseitigen Kapitalverlust – daher auch der Hinweis auf den irreführenden Titel.

Demnach stehen wir vor einer langen Stagnationsphase, in der und über die hinaus Buy-and-Hold nicht funktionieren wird und nur Markettiming Erfolg haben wird. Wer das Risiko scheut, wird langsam Geld verlieren, wer seinen Wohlstand erhalten möchte muss Risiken eingehen. Neben Market-Timing ist hierfür der Anlagenmix, die Asset-Allokation, entscheidend. Neben einigen Hinweisen zum Lebensstil, so empfiehlt Massenbauer unter bestimmten Rahmenbedingungen ausdrücklich den Erwerb eines Eigenheims, gibt er den Lesern seines Buches ein Allwetterportfolio an die Hand. Dessen Struktur ergänzt der Autor um präzise Angaben zur regelmäßigen Rebalancierung und dem weitgehend automatisierten Austausch der entsprechenden Wertpapiere.

PS: Gibt es noch weitere Bücher zum Thema, die sich für die Leser des Blogs zu rezensieren lohnt? Schreiben Sie mir Ihre Vorschläge – mit oder ohne E-Mail-Kontakt!

Hiermit akzeptiere ich die Erklärung zum Datenschutz.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.