Rezension – Der stille Raub: Wie das Internet die Mittelschicht zerstört und was Gewinner der digitalen Revolution anders machen

Titelbild von Der stille Raub

Von Gerald Hörhan, 192 Seiten, 21,90 Euro, Edition a 2017.

Ludditen nannten sich jene Maschinenstürmer, die sich in der Startphase der industriellen Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts mit Gewalt gegen die Ersetzung ihrer Arbeits- durch Maschinenkraft wehrten. Mit der Zerstörung von Maschinen und Fabriken rebellierten die Baumwollweber, Strumpfwirker und Tuchscherer gegen den drohenden Verlust ihrer gesicherten Berufe, traditionellen Privilegien sowie ihres sozialen Status. Im Ergebnis verzögerten sie die Industrialisierung, den langen Weg zum Massenwohlstand durch Massenproduktion, und verlängerten das herrschende Elend.

Luddismus 2.0

Steht den westlichen Zivilisationen in den nächsten Jahrzehnten ein – im wahrsten Sinn des Wortes – Luddismus 2.0 bevor? Eindeutig ja, schreibt der österreichische Manager, Investor und Autor Gerald Hörhan in seinem mittlerweile vierten bei der Edition a verlegten Buch. Ausschlaggebend für die Beschäftigung mit dem zuvor völlig vernachlässigten Thema waren nach eigener Aussage drei Behauptungen unterschiedlicher Sprecher auf einer 2014 besuchten Social-Media-Konferenz in Las Vegas:

  1. „Durch Digitalisierung entsteht Nachfrage. Das sollten Sie verstehen.“
  2. „Es herrscht Krieg. Krieg zwischen denjenigen, die die Welt verbessern wollen und die für Fortschritt stehen, und denjenigen, die überholte, archaische Systeme der Vergangenheit bewahren wollen.“
  3. „Früher konnte ein Opernsänger, selbst wenn er berühmt war, nur das Gebäude füllen, in dem er auftrat. Heute kann ein Musiker, selbst wenn er nicht berühmt ist, Menschen auf der ganzen Welt erreichen und Geld in Regionen verdienen, in denen er noch nie war.“

Die sich aus diesem Zusammenwirken speisende und selbst im deutschen Blätterwald bisweilen bemühte Disruption lässt Hörhan in insgesamt 16 unterhaltsamen Kapiteln äußerst lebendig werden. Seine These: „Binnen weniger Jahre wird die digitale Revolution die Gesellschaft komplett verändern. Wenige werden reich, viele arm, und die Mittelschicht wird es nur noch in den Geschichtsbüchern geben.“

Von Robotern und Nachhilfelehrern

An empirischen Beispielen für die Kraft dieser schumperterschen (Mittelschicht-)Zerstörung herrscht beileibe kein Mangel. Einige Kostproben: Robo-Advisor, also automatisierte Finanzanlageberatung, dürften noch einigen Lesern ebenso ein Begriff sein wie selbstfahrende Autos und Züge, welche die Deutsche Bahn bis 2025 flächendeckend einsetzen möchte. Dagegen dürfte Ross, der erste Robo-Anwalt, eher weniger Bekanntheit genießen. Recherchearbeiten erledigt die intelligente Datenbank mit Schnittstelle für die Mensch-Maschine-Kommunikation schneller, besser und günstiger als angestellte Rechtsanwälte. Ähnliche Entwicklungen werden auf dem Gebiet der Medizin, Pflege und selbst der Gastronomie, also vor allem im Dienstleistungssektor, vorangetrieben. In der Industrie ist die Produktion mittlerweile ohnehin fast vollständig automatisiert.

Und nicht nur Opernsänger erreichen Menschen auf der ganzen Welt: Selbst Vertreter so dröger Berufe wie Nachhilfelehrer erfreuen sich beispielsweise in Südkorea kultischer Verehrung und generieren jährlich Millionenumsätze. Wie? Durch innovative und effiziente Methoden der Wissensvermittlung, die online gegen geringe Gebühr als Videokurs zur Verfügung gestellten werden. Solche digitalen Profile entscheiden künftig allerdings auch bei interpersonell beziehungsweise lokal angelegten Geschäftsmodellen wie Handwerkern, Tiermedizinern oder Floristen in immer höherem Maße über Kunden und Umsatz. Denn was nutzen Besucher oder neu Zugezogene immer häufiger zur Erstorientierung? Richtig, das Smartphone.

The winner takes it (most) all

Allerdings, so Hörhan, werden im Gegensatz zur industriellen viele Bereiche der digitalen Revolution vom Olympiaprinzip durchzogen: Umsätze und Gewinne der Digitalwirtschaft sind stark paretoverteilt, da Netzwerkeffekte zu schwer revidierbaren Lock-in-Effekten führen. Zur Verdeutlichung: Welches ist die jeweils drittgrößte Suchmaschine, Partnerbörse oder Immobilienplattform in Deutschland? Und über welchen welchen Marktanteil verfügen diese? Richtig, der Gewinner vereinnahmt in seiner Nische (fast) alles, die wenigen verbleibenden Krümel teilt sich der Rest.

Wie immer man zu dieser Entwicklung stehen mag, Personen und Organisationen können die normativen Kraft des digitalen Imperativs versuchen zu nutzen oder zu bekämpfen. Das Ergebnis wird nach Hörhan im ersten Fall ein sich selbst positiv, im zweiten Fall ein sich selbst negativ verstärkender Strukturwandel sein – gewissermaßen die Blaupause Silicon Valley versus Ruhrgebiet. Einen wenngleich schwachen Trost hat der Autor für die Verlierer. Diese müssen sich künftig nicht mehr an Drogen, sondern können sich an beziehungsweise in virtuellen Realitäten berauschen, die jeden Flash in den Schatten stellen werden und zumindest den Körper nicht malträtieren.

Bilden statt unterhalten

Wie bei seinen drei Vorgängern ist Hörhan auch mit „Der stille Raub“ (*) seinem Verlag ebenso wie seinem Stil treu geblieben: Eine gekonnt verwobene Mischung aus biographischen Elementen und sozioökonomischem Sachbuch, aus polarisierender Analyse und provokanter Prognose. Zur Auseinandersetzung mit dem Thema ist sein Buch allemal geeignet. Vertiefende Kenntnisse vermittelt der Autor – natürlich online – in den zahlreichen Seminare und Vorträgen seiner Investment Punk Academy zum Preis eines durchschnittlichen Sky-Abos.

PS: Gibt es noch weitere Bücher zum Thema, die sich für die Leser des Blogs zu rezensieren lohnt? Schreiben Sie mir Ihre Vorschläge – mit oder ohne E-Mail-Kontakt!

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