Nachruf – Paul C. Martin

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Zum Tod des Grandseigneurs des Debitismus

Moriturum esse – es muss gestorben werden. Unter diesem knappen Motto sanierte der spätere Kaiser Augustus die Staatsfinanzen des Römischen Reichs und leitete eine Ära wirtschaftlicher Prosperität ein. Hierzu ließ er die größten Gläubiger auf sogenannte Proskriptionslisten setzen, die nach römischem Recht fortan von jedermann straflos getötet werden durften. Ihre Hinterlassenschaft fiel abzüglich einer Täterpovision dem Fiskus zu. Das berühmteste Opfer dieser speziellen Form des Schuldenschnitts war übrigens der begnadete Rhetoriker Cicero. Da sage noch einer, die Feder sei mächtiger als das Schwert.

Jedes Mal, wenn ich mir das an Anekdoten überreiche Werk Paul C. Martins in Erinnerung rufe, habe ich diese morbide Episode nebst dem lakonischen Futur-II-Dekret vor Augen. Ende der 1990er Jahre bin bei der Lektüre eines Finanzfachbuchs über den 1939 in Luckenwalde geborenen Historiker, Philosophen und Ökonomen gestolpert. Der dort zitierte und nur antiquarisch erhältliche Titel „Der Kapitalismus: Ein System das funktioniert“, aufgelegt im Jahr 1986, weckte meinen Beschaffungsdrang, den ich auf den seinerzeit im Aufbau befindlichen Onlineantiquariaten zu befriedigen suchte. Viele Jahre vergeblich. Erst 2004 sollte ich eines der nach wie vor raren und teuer gehandelten Exemplare ergattern.

In der Zwischenzeit hatte ich allerdings alle anderen Titel des Autors (*) gekauft, derer ich habhaft werden konnte. „Die Krisenschaukel: Staatsverschuldung macht arbeitslos, macht noch mehr Staatsverschuldung, macht noch mehr Arbeitslose“, „Cash: Strategie gegen den Crash“, „Aufwärts ohne Ende: Die neue Theorie des Reichtums.“, „Die Pleite: Staatsschulden, Währungskrise und Betrug am Sparer“, „Die Formeln für den Staatsbankrott: Am Beispiel des finanziellen Endes der Republik Österreich“, „Sachwert schlägt Geldwert“ und „Wann kommt der Staatsbankrott?“ zieren neben dem oben genannten das Martin-Bord meiner Bücherwand. Beim letztgenannten konnte ich gar ein vom Autor handsigniertes Exemplar ergattern – „Ein bemerkenswertes Buch, heute aktueller denn je!“ hatte der Antiquar auf einem Begleitschreiben notiert, das mir seither als Lesezeichen dient.

Martin-Bord der Bücherwand
Martin-Bord der Bücherwand, Bildquelle: Eigene Aufnahme

Das gilt gefühlt für jedes der genannten Bücher – zu jeder Zeit. Dabei darf in der Tat als Faszinosum gelten, dass fast ausnahmslos alle Publikationen des Martinschen Gesamtwerks selbst Kennern der Materie neue Facetten des immer gleichen Anschauungsmaterials bieten. Tatsächlich kreist es im Kern immerzu um ein einziges Thema: Schulden. Als qua Geburt begründete Passivseite der menschlichen Existenz führt Martin die wesentlichen ökonomischen Schlüsselgrößen und ihre Institutionalisierung wie Eigentum, Vertragsfreiheit, Geld, Zinsen, Wachstum, Crash, Krise, Inflation, Deflation und Bankrott letztlich auf die Notwendigkeit zurück, Termingeschäfte erfüllen zu müssen.

Vor diesem Hintergrund sehe ich es lediglich als Schönheitsfehler an, dass Martin, dem bereits seit Ende der 1970er Jahre der Ruf einer Kassandra vorauseilte, sich mehrfach im Zeitplan geirrt hat. Besonders seine „Bankrottformel“ und der Versuch, Staatspleiten mathematisch herzuleiten, boten Gegnern reichlich Angriffsfläche. Sein ganz entscheidender Verdienst bleibt jedoch, die Eigentumstheorie des Wirtschaftens nach Gunnar Heinsohn und Otto Steiger aus der akademischen Senke hervorgehoben und als Debitismus (abgeleitet aus dem lateinischen Verb „debere“ für „schulden“) ein populärwissenschaftliches Gesicht gegeben zu haben – einschließlich der ihm eigenen Kombination aus Intellektualität und Schnoddrigkeit, mit der er zudem zwischen 1992 und 2000 der Bild-Zeitung seinen freiheitlichen Stempel als stellvertretender Chefredakteur aufdrücken konnte.

Ein für mich ganz besonderer Moment war daher auch das Interview, das ich mit Paul C. Martin im Jahr 2010 führen durfte. Im Nachgang fragte ich ihn erwartungsvoll, ob denn mit weiteren Publikationen aus seiner Feder zu rechnen sei. Er verneinte. Es sei alles gesagt. Nichts desto trotz erwischte ich mich in den folgenden Jahren immer wieder bei Recherchen nach etwaigen Neuerscheinungen – so wie sonst nur bei Roland Baader und Gunnar Heinsohn.

Diese Hoffnung hat sich zerschlagen. Am 03. April 2020 hat Paul C. Martin im Alter von 80 Jahren der Tod ereilt, der ultimative Passivseitenvernichter, wie er den schwarzen Schnitter, der jegliches Schuldverhältnis final zum Erliegen bringt, in einem seiner Bücher bezeichnet hat. Zumindest hat ihm, dem Grandseigneur des Debitismus, die Welt mit der größten Schuldenorgie aller Zeiten einen würdigen monetären Rahmen bereitet. Erst nach seinem Tod erfuhr ich, dass wir mit den Klängen der Matthäuspassion in Gedenken an den Leidensweg Christi ein alljährliches Karfreitagsritual teilten. Passendere Worte des Abschieds als im Schlusschoral dieses erhabenen Stücks Musikgeschichte lassen sich denn auch nicht finden: Ruhe sanft – requiescat in pace!

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