Podcast jetzt anhören
Wie die Pest Europas Wirtschaft veränderte
Im 14. Jahrhundert starb innerhalb weniger Jahre ein erheblicher Teil der europäischen Bevölkerung. Dörfer verschwanden, Felder lagen brach, der Handel wurde vielerorts unterbrochen. Dennoch verbesserten sich langfristig die wirtschaftlichen Möglichkeiten zahlreicher Überlebender. Die Pest veränderte das Verhältnis zwischen Arbeit und Boden, beeinflusste Löhne, Preise und Grundrenten und beschleunigte den Wandel einer jahrhundertealten Gesellschaftsordnung.
Folge als Kompaktvideo
Wer kein Video mehr verpassen möchte, abonniert am besten meinen YouTube-Kanal. Dazu genügt es beim erstmaligen Aufruf das eingeblendete Abonnement zu bestätigen oder alternativ auf der Startseite auf „Abonnieren“ beziehungsweise direkt im Video auf das Bloglogo unten rechts zu klicken. Zu den Inhalten und Zeitmarken:
- 0:00:00 Der Schwarze Tod als wirtschaftlicher Wendepunkt
- 0:02:52 Freie Bauern und Sklaven im Römischen Reich
- 0:06:03 Von der Sklaverei zur mittelalterlichen Grundherrschaft
- 0:09:03 Europas Landwirtschaft wächst an ihre Grenzen
- 0:11:58 Klimawandel, Hungersnöte und Naturkatastrophen
- 0:13:45 Die Pest kommt über das Mittelmeer nach Europa
- 0:15:24 Arbeitskräfte werden knapp, Boden verliert an Wert
- 0:17:21 Was geschieht mit Geld und Preisen?
- 0:21:01 England versucht, höhere Löhne zu verhindern
- 0:23:44 Steuern, Aufstand und das Ende der Leibeigenschaft
- 0:26:01 Die Moral von der Geschichte: Drei Anlegerlehren
- 0:29:13 Quellen und weiterführende Literatur
- 0:30:17 Schlusswort und Verabschiedung
Vom römischen Freibauern zur mittelalterlichen Grundherrschaft
In der frühen römischen Republik bildeten freie Bauern eine wichtige gesellschaftliche Gruppe. Sie bewirtschafteten eigenes Land, versorgten ihre Familien und leisteten Militärdienst. Wirtschaftliche Selbstständigkeit und politische Teilhabe waren eng miteinander verbunden. Das um 450 vor Christus entstandene Zwölftafelgesetz hielt grundlegende Rechtsregeln schriftlich fest. Eigentum, Verträge, Schulden und Erbrecht erhielten damit eine verbindlichere Grundlage.
Neben den freien Bürgern existierte allerdings eine umfangreiche Sklavenwirtschaft. Die römischen Eroberungskriege brachten nicht nur Edelmetalle und neue Provinzen, sondern auch zahlreiche versklavte Menschen nach Italien. Diese arbeiteten in Haushalten, Werkstätten, Bergwerken und auf landwirtschaftlichen Gütern. Während ein freier Arbeiter seine Arbeitsleistung für eine bestimmte Zeit zur Verfügung stellte, galt ein Sklave rechtlich grundsätzlich als Eigentum seines Herrn.
Mit der Expansion des Reiches konzentrierten sich Land und Sklaven zunehmend in den Händen einflussreicher Familien. Große Güter, sogenannte Latifundien, gewannen an Bedeutung. Für viele kleinere Bauern verschlechterten sich die wirtschaftlichen Bedingungen. Kriegsdienst, Verschuldung und Konkurrenz trugen dazu bei, dass sie ihre Selbstständigkeit verloren und in die Städte abwanderten.
Ab dem dritten Jahrhundert geriet das Römische Reich in eine längere Krisenphase. Eroberungskriege lieferten weniger neue Sklaven, zugleich veränderte sich die landwirtschaftliche Produktion. Pächter, die gegen Abgaben oder Arbeitsleistungen fremdes Land bewirtschafteten, wurden wichtiger. In der Spätantike entwickelte sich daraus unter anderem das Kolonat. Die Kolonen waren keine Sklaven im klassischen Sinne, konnten aber rechtlich an das bewirtschaftete Land gebunden sein.
Mit dem Ende des weströmischen Kaisertums im Jahr 476 waren diese Veränderungen bereits weit fortgeschritten. Politische Strukturen zerfielen, Handelsbeziehungen wandelten sich und die Bevölkerung ging in Teilen Westeuropas zurück. Auch Seuchen wie die Justinianische Pest ab 541 spielten dabei eine Rolle.
Im Frühmittelalter wurde Grundbesitz zur entscheidenden Grundlage wirtschaftlicher und politischer Macht. Bauern bewirtschafteten eigene oder überlassene Höfe, mussten jedoch Abgaben entrichten und Arbeitsdienste leisten. Manche waren persönlich frei, andere hörig oder leibeigen. Die Grundherren verfügten über wirtschaftliche und häufig auch gerichtliche Rechte. Christliche Vorstellungen von der besonderen Würde des Menschen gewannen an Bedeutung, während die Gesellschaft weiterhin durch ausgeprägte Abhängigkeiten gekennzeichnet blieb.
Bevölkerungswachstum und die Grenzen der Agrarwirtschaft
Zwischen dem frühen Hochmittelalter und dem Beginn des 14. Jahrhunderts erlebten große Teile Europas eine wirtschaftliche Expansion. Die Bevölkerung wuchs, Wälder wurden gerodet, Sümpfe trockengelegt und zusätzliche Flächen landwirtschaftlich genutzt. Verbesserte Pflüge, Dreifelderwirtschaft und Wassermühlen steigerten die Produktivität. Vergleichsweise günstige klimatische Bedingungen während der mittelalterlichen Warmperiode unterstützten diese Entwicklung.
Doch das Wachstum hatte Grenzen. Die Bevölkerung nahm vielerorts schneller zu als die verfügbaren landwirtschaftlichen Flächen. Zusätzliche Arbeitskräfte mussten zunehmend schlechtere Böden bewirtschaften oder mehr Arbeit einsetzen, um auf derselben Fläche höhere Erträge zu erzielen. Der zusätzliche Ertrag je Arbeitsstunde nahm tendenziell ab.
Dadurch verschoben sich die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse. Boden wurde knapper, Arbeitskraft war reichlich vorhanden. Wer kein eigenes Land besaß, musste sich häufig mit ungünstigen Bedingungen arrangieren. Die mittelalterliche Wirtschaft war zwar kein moderner Arbeitsmarkt, doch die Knappheitsverhältnisse wirkten auch innerhalb der bestehenden Abhängigkeiten.
Ab dem späten 13. Jahrhundert verschlechterten sich in verschiedenen Regionen die klimatischen Bedingungen. Die Große Hungersnot von 1315 bis 1317 führte in weiten Teilen Nord- und Westeuropas zu massiven Versorgungsproblemen. Schlechte Ernten ließen Getreidepreise steigen, Viehbestände gingen zurück und Krankheiten forderten zahlreiche Opfer.
Im Juli 1342 verursachte die Magdalenenflut in Mitteleuropa außergewöhnliche Überschwemmungen und Bodenerosionen. Fruchtbare Erde wurde fortgeschwemmt, Siedlungen und landwirtschaftliche Flächen wurden beschädigt. Die Katastrophe verdeutlichte die Abhängigkeit einer agrarisch geprägten Gesellschaft von Witterung und Bodenfruchtbarkeit.
Die Pest verändert das Verhältnis zwischen Arbeit und Boden
1347 erreichte die Pest über Handelswege den Mittelmeerraum und breitete sich anschließend über weite Teile Europas aus. Zwischen 1347 und den frühen 1350er-Jahren starben vermutlich mehrere zehn Millionen Menschen. Häufig wird ein Bevölkerungsverlust zwischen einem Drittel und der Hälfte angenommen, regional teilweise noch mehr. Die genauen Zahlen bleiben wegen fehlender Bevölkerungsstatistiken unsicher.
Die unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen waren verheerend. Höfe wurden verlassen, Handwerksbetriebe verloren Arbeitskräfte und Handelsverbindungen brachen zusammen. Gleichzeitig vernichtete die Pest Sachwerte nicht im gleichen Verhältnis wie Menschenleben. Landwirtschaftliche Flächen, Häuser, Mühlen und Werkzeuge blieben vielfach erhalten.
Damit veränderte sich die Ausstattung mit Produktionsmitteln pro Kopf schlagartig. Vor der Pest war Boden in vielen Regionen relativ knapp gewesen. Danach fehlten vor allem Menschen, die ihn bewirtschaften konnten.
Ein Dorf mit hundert Hektar Nutzfläche und vierzig Familien verdeutlicht den Mechanismus. Sterben zwanzig Familien, steht den Überlebenden rechnerisch doppelt so viel Boden pro Familie gegenüber. Sie werden dadurch nicht automatisch Eigentümer zusätzlicher Flächen. Ihre Verhandlungsposition gegenüber den Grundherren verbessert sich jedoch.
Grundbesitzer mussten höhere Löhne, geringere Abgaben oder günstigere Pachtbedingungen anbieten, wenn sie ihre Flächen weiterhin bewirtschaften lassen wollten. Andernfalls drohten Ertragsausfälle. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten zahlreicher Bauern und Landarbeiter verbesserten sich, während die Einkommen vieler Grundbesitzer unter Druck gerieten.
Dieser Wandel vollzog sich nicht unmittelbar. In den ersten Jahren nach der Pest stiegen in England beispielsweise die Preise verschiedener Lebensmittel erheblich. Auch die Nominallöhne nahmen zu, ohne dass sich die Kaufkraft sofort entsprechend verbesserte. Erst im weiteren Verlauf des 14. und besonders im 15. Jahrhundert lässt sich für zahlreiche englische Arbeitskräfte ein deutlicher Anstieg der Reallöhne beobachten.
Auch die monetären Folgen waren vielschichtig. Gold- und Silbermünzen verschwanden nicht mit ihren bisherigen Besitzern. Der Edelmetallbestand schrumpfte kurzfristig nicht im gleichen Maße wie die Bevölkerung. Daraus ergab sich jedoch keineswegs zwangsläufig eine allgemeine Inflation.
Neben der Geldmenge veränderten sich die Produktion, die Geldnachfrage und die Umlaufgeschwindigkeit. Während manche Preise stiegen, gingen andere zurück. Entscheidend waren insbesondere die relativen Preise: Arbeit wurde gegenüber Boden wertvoller, während Grundrenten unter Druck gerieten.
Ein Grundherr konnte nach der Pest weiterhin dieselbe Fläche besitzen und dennoch wirtschaftlich schlechter dastehen. Ein besitzloser Landarbeiter konnte dagegen aufgrund der gestiegenen Nachfrage nach seiner Arbeitskraft höhere Einkommen erzielen.
England: Lohnbeschränkungen und Bauernaufstand
Besonders deutlich zeigte sich der Konflikt in England. Nach dem Bevölkerungsverlust konnten Bauern und Landarbeiter bessere Bedingungen verlangen. Die Obrigkeit versuchte, diese Entwicklung aufzuhalten. König Eduard III. erließ 1349 die Ordinance of Labourers; 1351 folgte das Statute of Labourers. Die Vorschriften sollten Löhne an das Niveau vor der Pest binden, Arbeitsfähige unter bestimmten Voraussetzungen zur Beschäftigung verpflichten und den Wechsel zu besser zahlenden Arbeitgebern einschränken.
Die Gesetze konnten den Arbeitskräftemangel nicht beseitigen. Arbeitgeber versuchten, die Vorschriften durchzusetzen, während Beschäftigte nach höheren Entgelten oder anderen Arbeitsmöglichkeiten suchten. Die Bestimmungen blieben lange wirksam und wurden wiederholt ergänzt. Langfristig ließ sich die veränderte Verhandlungsposition der Arbeitskräfte jedoch nicht vollständig zurückdrängen.
Hinzu kamen die Kosten des Hundertjährigen Krieges gegen Frankreich. Die Krone erhob zusätzliche Steuern, insbesondere Kopfsteuern, die 1380 und 1381 die Unzufriedenheit verschärften. Wirtschaftliche und politische Konflikte mündeten 1381 in den englischen Bauernaufstand unter Wat Tyler. Die Aufständischen zogen nach London und verlangten unter anderem die Abschaffung persönlicher Unfreiheit und die Begrenzung herrschaftlicher Ansprüche. Dem Prediger John Ball wird die Frage zugeschrieben: „Als Adam grub und Eva spann, wer war da der Edelmann?“
Wat Tyler wurde während der Verhandlungen getötet, der Aufstand niedergeschlagen. Trotz zeitweiliger Zusagen König Richards II. folgten Verfolgungen und Bestrafungen. Langfristig verlor die persönliche Leibeigenschaft in England jedoch zunehmend an Bedeutung. Pachtverträge und entlohnte Arbeit breiteten sich aus. Lohnarbeit war keine Erfindung des 14. Jahrhunderts; die Pest beschleunigte vielmehr einen bereits bestehenden Wandel.
Die Moral von dieser Geldgeschichte
Für Anleger lassen sich daraus drei Erkenntnisse ableiten. Erstens entscheidet nicht der bloße Besitz einer Ressource über ihren wirtschaftlichen Wert, sondern auch ihre Knappheit und Ertragsfähigkeit. Eine Immobilie kann solide gebaut sein und dennoch eine schlechte Kapitalanlage darstellen, wenn Mieter fehlen oder die Bewirtschaftungskosten die Einnahmen übersteigen.
Zweitens ist die reale Kaufkraft wichtiger als nominale Geldbeträge. Wer fünf Prozent Zinsen erhält, während die Preise um sieben Prozent steigen, verliert Kaufkraft. Auch hohe Ausschüttungen schaffen keinen zusätzlichen Wohlstand, wenn dabei dauerhaft Kapital aufgezehrt wird.
Drittens können politische Eingriffe wirtschaftliche Entwicklungen beeinflussen, die zugrunde liegenden Knappheitsverhältnisse aber nicht beseitigen. Englands Lohnbeschränkungen änderten nichts daran, dass Arbeitskräfte fehlten. Für Investitionen sind daher sowohl geltende Regeln als auch die wirtschaftlichen Bedingungen maßgeblich, unter denen Erträge entstehen.
Die Pest machte Europa nicht reich. Sie veränderte jedoch die Verteilung von Boden und Arbeit so grundlegend, dass sich für zahlreiche Überlebende neue wirtschaftliche Möglichkeiten eröffneten.
Medienempfehlungen
Bei dieser Folge der Geldgeschichte haben wir uns unter anderem auf folgende Quellen gestützt, die wir zur Vertiefung der Themenschwerpunkte empfehlen können:
- Wilhelm Abel: Agrarkrisen und Agrarkonjunktur (*)
- Mark Bailey: After the Black Death (*)
- Klaus Bergdolt: Der Schwarze Tod in Europa (*)
- Werner Rösener: Bauern im Mittelalter (*)
- Film: The Uprising (*)
Immer einen musikalischen Abstecher wert ist zudem die Playlist der Geldgeschichte(n) auf Spotify, welche alle Musikstücke umfasst, auf die wir bisher in unserem Format referenziert haben!
Alle Podcastfolgen
Eine frische Folge unseres gemeinsamen Podcastformats mit jeweils zwei lehrreichen Geldgeschichten erscheint jeden letzten Freitag im Monat! Sämtliche Ausgaben der Geldgeschichte(n) lassen sich zudem über das Pocast-Archiv abrufen.
Podcast abonnieren
Wer keine Folge der Geldgeschichte(n) verpassen möchte, kann unsere deutsch-österreichische Koproduktion direkt über die gängigen Potcatcher per Stichwortsuche oder Podcast-Feed abonnieren. Alternativ dazu informieren wir regelmäßig auf unseren Kanälen zu jeder neuen Folge, so beispielsweise in meinem Blogtelegramm oder auf Clemens Faustenhammer Blog The Dividend Post.
Anzeige
Income Insights
Abonniere meine kostenlosen Finanz-Tipps und ich schenke Dir drei Reports, um Deine Rendite zu optimieren, Dein Risiko zu reduzieren und 1.000 Ausschüttungen pro Jahr einzunehmen – mit lediglich fünf Minuten Aufwand pro Tag und ohne das Depot starken Schwankungen aussetzen zu müssen:
Beitrag teilen
Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Dann teile ihn bitte mit einem Klick auf Facebook oder X, damit auch andere davon profitieren können!
Deine Meinung
Rückmeldungen machen meine Inhalte besser. Was hat Dir gefallen, was könnte verbessert werden? Hinterlasse gerne einen Kommentar unter diesem Beitrag oder schreib mir gleich hier eine Direktnachricht.



