Geldgespräch: Fixed-Income-Fachmann Norbert Schmidt – Folge 068

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Anleihen in einer Welt wachsender Schulden

Die weltweiten Schuldenstände steigen seit Jahren. Staaten, Unternehmen und private Haushalte finanzieren sich in großem Umfang über Kredite. Gleichzeitig gelten Anleihen für viele Investoren weiterhin als vergleichsweise sichere Anlage. Wie passt das zusammen? In einem Gespräch über den aktuellen Zustand der Zinsmärkte erläutert der Anleiheexperte und Fondsmanager Norbert Schmidt, welche Kräfte derzeit auf den Markt wirken, welche Rolle Inflation und Zentralbanken spielen und wo er Chancen und Risiken für Anleger sieht.

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  • 0:00:00 Schulden: Warum Anleihen weiter gefragt sind
  • 0:01:15 Wie stabil der Anleihemarkt wirklich ist
  • 0:02:35 Finanzielle Repression und negative Realzinsen
  • 0:06:12 Zinsen und Inflation: Ausblick für Europa und USA
  • 0:10:57 Warum Anleger weiter Staatsanleihen kaufen
  • 0:14:32 Wie Norbert Liquidität und Cash einsetzt
  • 0:16:41 Strategie bei Unternehmensanleihen erklärt
  • 0:20:22 Zombieunternehmen: Risiko oder übertriebene Angst
  • 0:24:51 Refinanzierungswelle bei Unternehmen 2025–2027
  • 0:26:30 Immobilienmarkt unter steigenden Zinsen
  • 0:29:48 Portfolio-Strategie im aktuellen Zinsumfeld
  • 0:34:36 Wie Norbert jetzt Risiken und Krisen absichert
  • 0:39:13 Aktives Management vs. Anleihe-ETF
  • 0:41:34 Warum Norbert in Schifffahrt investiert
  • 0:45:32 Chancen und Risiken für Anleihen bis 2027

Schuldenwachstum und reale Wirtschaftsentwicklung

Zu Beginn des Gesprächs steht die Frage nach der Stabilität des globalen Anleihemarktes. In den vergangenen Monaten waren hohe Staatsschulden regelmäßig Gegenstand öffentlicher Debatten, insbesondere mit Blick auf die USA, Japan und Europa.

Schmidt verweist darauf, dass Schuldenstände häufig isoliert betrachtet werden. Entscheidend sei jedoch die Relation zur wirtschaftlichen Entwicklung. Offizielle Wachstumszahlen würden üblicherweise real ausgewiesen, also ohne Inflation. Tatsächlich wirke jedoch auch das nominale Wachstum – also reale Expansion plus Preissteigerungen – auf die Tragfähigkeit von Schulden.

In diesem Kontext relativiere sich ein Teil der Sorge über stark steigende Schuldenstände. Einnahmen von Staaten wachsen ebenfalls mit der Inflation. Dadurch erscheine der Schuldenanstieg in vielen Fällen weniger dramatisch, als es die reinen Zahlen nahelegen.

Schmidt formuliert es zugespitzt: „Schulden sind ein Wachstumsmarkt.“ Gemeint ist damit nicht nur die steigende Verschuldung, sondern auch der damit verbundene Markt für Anleihen.

Finanzielle Repression und das Zinsumfeld

Im Zusammenhang mit der Schuldenentwicklung taucht immer wieder ein Begriff auf, der bereits in der Vergangenheit diskutiert wurde: finanzielle Repression. Dahinter steht die Idee, dass Staaten ihre Schulden indirekt entwerten, indem die Realzinsen über längere Zeit negativ bleiben.

In den Jahren nach der Finanzkrise war ein solches Umfeld teilweise Realität. Die Inflation lag über den Nominalzinsen, wodurch reale Schuldenlasten langsam abgebaut wurden.

Mit der Zinswende seit 2022 hat sich die Situation verändert. Die Zentralbanken haben die Zinsen deutlich angehoben. Für Schmidt stellt dies eine Normalisierung dar. Die Geldpolitik habe sich aus dem sehr starken Druck der Niedrigzinsphase herausbewegt und wieder Handlungsspielraum aufgebaut.

Ganz verschwunden sei die Diskussion um finanzielle Repression jedoch nicht. Politische Akteure hätten ein Interesse an niedrigen Zinsen, da steigende Finanzierungskosten bei hohen Schulden schnell zu einem relevanten Haushaltsposten werden.

Aktuell sieht Schmidt Europa in einer Art Gleichgewicht: Zinsen und Inflation bewegen sich beide um etwa zwei Prozent. In den längeren Laufzeiten seien reale Renditen sogar wieder positiv – eine Situation, die viele Jahre nicht existierte.

Nachfrage nach Staatsanleihen

Trotz wachsender Schulden bleibt die Nachfrage nach Staatsanleihen hoch. Insbesondere in den USA sind Neuemissionen regelmäßig überzeichnet. Investoren zeichnen also mehr Anleihen, als tatsächlich angeboten werden.

Ein Teil dieser Nachfrage kommt von institutionellen Anlegern wie Pensionskassen. Diese investieren langfristig, vereinnahmen Zinserträge und müssen die daraus entstehenden Mittel wiederum anlegen. Dadurch entsteht eine kontinuierliche Nachfrage nach Anleihen, sowohl im kurz- als auch im langfristigen Laufzeitbereich.

Gleichzeitig verändert sich die Struktur der internationalen Nachfrage. Einige Investoren hinterfragen zunehmend politische Risiken, etwa im Zusammenhang mit geopolitischen Konflikten oder internationalen Beziehungen. Einzelne europäische Pensionsfonds haben deshalb ihre Engagements in US-Staatsanleihen reduziert.

Solche Entwicklungen wirken sich vor allem auf die langfristigen Laufzeiten aus. Dort spiegeln höhere Renditen neben Inflationserwartungen auch Währungs- und politische Risiken wider.

Unternehmensanleihen als Anlagefeld

Schmidt selbst konzentriert sich mit seinem Fonds vor allem auf europäische Unternehmensanleihen unterhalb des Investment-Grade-Bereichs. Der Markt umfasst etwa 500 Milliarden Euro. Innerhalb dieses Universums erfolgt die Auswahl einzelner Emittenten anhand fundamentaler Kriterien.

Ein zentrales Maß ist dabei die Fähigkeit eines Unternehmens, seine Schulden zu bedienen. Im Fonds werde geprüft, ob ein Emittent grundsätzlich in der Lage wäre, etwa zehn Prozent Zinsen auf seine Verschuldung zu tragen. Diese Schwelle dient als Sicherheitsmaßstab.

Aktuell liegen die Renditen vieler solcher Anleihen bei rund fünf Prozent. Durch aktive Auswahl und Handel lasse sich laut Schmidt zusätzliches Renditepotenzial erschließen.

Ein stabil wachsendes wirtschaftliches Umfeld sei dafür bereits ausreichend. „Uns reicht eine stabile Wirtschaft mit einem Prozent Wachstum“, sagt Schmidt. Entscheidend sei weniger das Gesamtwachstum als die Fähigkeit, strukturelle Verschiebungen zwischen Branchen zu erkennen.

Zombieunternehmen und Marktselektion

Im Zusammenhang mit steigenden Zinsen wird häufig über sogenannte Zombieunternehmen diskutiert – Firmen, die nur aufgrund extrem günstiger Finanzierung überleben.

Schmidt hält diesen Begriff für nachvollziehbar, sieht darin jedoch kein zentrales Problem für seinen Anlagebereich. Unternehmen, die dauerhaft keinen ausreichenden Cashflow generieren, erfüllten bereits das zentrale Auswahlkriterium des Fonds nicht und würden deshalb nicht in Betracht gezogen.

Interessanter sei eine andere Beobachtung: In Teilen der klassischen Bankfinanzierung würden Sanierungsfälle teilweise noch relativ günstig refinanziert. Für Schmidt deutet dies auf eine gewisse Ineffizienz im Finanzierungssystem hin, die möglicherweise strukturelle Anpassungen erfordert.

Refinanzierung und Immobilienmarkt

Ein wichtiger Treiber im Anleihemarkt ist derzeit die Refinanzierung bestehender Schulden. Viele Unternehmen haben in den Jahren 2021 und davor langfristige Anleihen zu sehr niedrigen Zinsen aufgenommen. Diese laufen nun schrittweise aus.

In den Jahren 2025 und 2026 kam es daher zu einer erhöhten Zahl neuer Emissionen. Unternehmen refinanzieren alte Anleihen, teilweise zu deutlich höheren Zinssätzen.

Besonders sichtbar wurde dieser Effekt im Immobiliensektor. Projektentwickler litten unter steigenden Baukosten, höheren Finanzierungskosten und einer zeitweise schwächeren Nachfrage.

Bestandshalter von Wohnimmobilien haben sich dagegen vergleichsweise stabil entwickelt. In vielen Städten steigen die Mieten weiterhin moderat, häufig um drei bis vier Prozent pro Jahr. Für Schmidt bleibt dieser Bereich deshalb interessant.

Portfoliostrategie und Risikomanagement

Im Portfolio selbst gab es zuletzt keine grundlegenden strategischen Änderungen. Ein Teil der Anlagen besteht weiterhin aus variabel verzinslichen Anleihen, die bei steigenden Zinsen einen gewissen Schutz bieten.

Die durchschnittliche Laufzeit der Titel liegt bei etwa vier Jahren. Tatsächlich halte der Fonds viele Positionen jedoch deutlich kürzer, häufig nur ein bis zwei Jahre, wenn vorzeitige Rückzahlungen erwartet werden.

Darüber hinaus nutzt das Management verschiedene Diversifikationselemente. Dazu gehören Engagements in konjunkturunabhängigen Geschäftsmodellen wie Wohnimmobilien oder bestimmten Bereichen der Pharmaindustrie.

Auch Energieunternehmen spielen eine Rolle im Portfolio. Sie dienen teilweise als Absicherung gegen mögliche Energiepreisschocks.

Aktives Management und Marktstruktur

Ein wiederkehrendes Thema im Gespräch ist der Unterschied zwischen aktivem Management und passiven Anleihe-ETFs.

Im Anleihemarkt bestimmt die Höhe der ausstehenden Schulden die Gewichtung im Index. Unternehmen mit besonders hohen Schulden sind daher automatisch stärker vertreten. Ein aktiver Fondsmanager kann diese Gewichtung bewusst reduzieren oder vermeiden.

Schmidt nennt als Beispiel die Automobilbranche, die in vielen Indizes relativ stark vertreten ist. Sein Fonds hält dort aktuell keine Positionen.

Ausblick: Chancen und mögliche Risiken

Für die kommenden Jahre erwartet Schmidt ein vergleichsweise stabiles Umfeld für Anleihen. Renditen von etwa fünf Prozent im Markt für höherverzinsliche Unternehmensanleihen hält er weiterhin für erreichbar.

Gleichzeitig sieht er mehrere potenzielle Unsicherheitsfaktoren. Dazu gehören Entwicklungen auf den Energiemärkten, geopolitische Konflikte sowie politische Veränderungen in der Geldpolitik.

Solche Risiken seien nicht zwangsläufig wahrscheinlich, könnten aber im Falle ihres Eintretens deutliche Auswirkungen haben. In solchen Phasen könne aktives Management eine größere Rolle spielen.

Langfristig, so Schmidt, blieben Aktien ein wichtiger Bestandteil von Portfolios. In Phasen erhöhter Unsicherheit könnten Anleihen jedoch wieder stärker zur Stabilisierung beitragen.

Haftungsausschluss

Zu den Risiken und Nebenwirkungen des Handels mit Derivaten und Wertpapieren, den veröffentlichten Informationen sowie besprochenen Möglichkeiten der Geldanlage einschließlich potenzieller Interessenskonflikte verweise ich auf den Haftungsausschluss und die Transparenzrichtlinien, die analog für den Podcast und das Video gelten.

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